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Buchloh

Jemand, der seinen Aufenthalt im Jahr 1969 an der Freien Universität in Berlin dazu benutzt hat, den Abschluss in Germanistik zu machen, hat etwas nachzuholen. Und so ist Benjamin Buchloh zu einem „Ruf als Stalinist oder als orthodoxer Marxist“ gekommen, wie er selber sagt. Buchloh ist einer der einflussreichsten Kunstliteraten der letzten Jahrzehnte, ist Co-Editor von „October“ und unermüdlicher Befeuerer des Kunstdiskurses: Wer kann nicht seinen Begriff von der „institutional critique“ jederzeit vorsagen? Wer die Jahre um 68 in der Bibliothek verbracht hat, muss sich jedenfalls nachträglich sozialisieren. Buchloh lässt diesbezüglich immer noch keine Wünsche offen. Gerade hat er dies in einem interessanten Gespräch mit Georg Imdahl, der ihm gut Paroli bietet, in der Januar/Februar-Ausgabe des Kunstforum international unter Beweis gestellt. Jeff Wall, The Thinker, 1986 Die Sorte 68, die Buchloh seit vierzig Jahren nachholt, sieht eher nach Dutschke aus als nach Fritz Teufel, sie ist asketisch und militant und nicht hedonistisch und libertär. Über welchen Künstler er definitiv nicht arbeiten wolle, wird Buchloh gefragt. Die Antwort: Jeff Wall. Die Begründung: „Wenn ein Künstler…sagt, ich gebe euch alles, was ihr habt aufgeben müssen, worauf ihr verzichten musstet, und ich gebe euch alles in großer Großzügigkeit und in der verführerischen Strategie, die mir zur Verfügung steht – dann ist das für mich ein reaktionärer Künstler“. Buchloh benennt sich als „fanatischen Anhänger der konzeptuellen Kunst“. Die Repiktoralisierung, die seit den späten Siebzigern stattfindet und der Konzeptualität ein Wissen ums Theatralische mitgibt, dieses Zurück zu den Bildern mit all ihren Signaturen von Komposition und Erzählduktus ist ihm ein Gräuel. Was heißt ein Gräuel: Es wird verfügt in die rechte Ecke. Buchloh stimmt es an, das „alte Entsagungslied“, wie Heinrich Heine es nannte, das „Eiapopeia vom Himmel“ eines ästhetischen Purismus. Man muss den Starrsinn ja bewundern. Wie Buchloh am Begriff des Modernismus festhält, und eine „Art After Modernism“ souverän übersieht. Wie er Isa Genzken gut redet, Richter (Gerhard, nicht Daniel) interessant und Thomas Hirschhorn zu eben einem Modernisten erklärt. Und wie er diktiert: „Eine Kunst, die sich auf Privilegien bezieht oder beruft oder diese als gegeben akzeptiert, ist für mich undenkbar und wird von mir nie als Kunst gesehen“. Vom Sonderstatus der Kunst, von dem man selbst profitiert, derart gnadenlos wegzublicken ist auch eine Leistung. Die Privilegien, die die modernen Gesellschaften der Kunst nicht nur zugestehen, sondern die die letzten Signaturen sind, die sie als Unverwechselbarkeiten noch besitzt, gibt es vielfältig: Ökonomisch gesehen erklären sie die Preise, soziologisch gesehen das Prestige und erkenntnistheoretisch gesehen die Zuteilung eines Sinnüberschusses. Und nicht zuletzt gehört zu diesen Privilegien die Prätention aufs Politische.

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