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Freiheit, die sie meinen

Eigentlich hätte dieser Beitrag hier etwas zum Fest der Liebe werden sollen: eine profunde Abrechnung mit jener in Gestalt einer Gegenwartsdiagnose ihrer Unmöglichkeit. Sven Hillenkamp hätte mit seinem soeben erschienenen Langessay „Das Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit“ die Sätze dafür geliefert. Seiner These ist in der Tat schwer zu entkommen: Die „freien Menschen“, das heißt wir, leben in einer Epoche des Anything Goes, sagt er, wo es keine Hindernisse gibt, die der Erfüllung der großen Gefühle und damit der großen Geilheiten im Wege stehen: keine Eltern und sonstige Konventionalitäten, keine Schwangerschaften, keine Klassen- oder gar Standesschranken und keine ökonomischen Schwierigkeiten, jedenfalls soweit, dass man sich nicht wenigstens ein WG-Zimmer und damit eine Alternative zur Rückbank des Fiat 500 leisten könnte. Hillenkamp hat schlagende Beispiel dafür, wie diese „unendliche Freiheit“ der Liebe den Garaus macht. Wie niemals die richtige Person ins Leben treten wird, denn es gibt in der Überfülle der Möglichkeiten immer jemanden garantiert noch Grandioseren. Wie ein Liebes- und Seximperium entstanden ist, das die Leute in Produktionsorte wie Großdiskos oder Ferienparadiese treibt, wo nun Erfüllung vom Fließband kommt. Und insgesamt wie Freiheit in Getriebenheit umschlägt, weil jede Tatsächlichkeit als ein Ende eben dieser Freiheit wahrgenommen wird, dem es unter allen Umständen zu entkommen gilt. Dann fällt aber doch auf, dass Hillenkamp die Libertinage, in der wir uns angeblich ubiquitär tummeln, ziemlich überschätzt. Als wäre jeder Tag die Option auf die gepflegte Langeweile: „Wer nichts zu tun hat, weil er nichts tun muss, der muss immer tun, was er will, wonach ihn im jeweiligen Augenblick verlangt.“ Und als stünde jeder Tag bereit für einen Umschlag, für die plötzliche Änderung der Lebensumstände, woher auch immer sie käme: „Das Schicksal der freien Menschen ist die Schicksallosigkeit, der ewige Zufall“. Was Hillenkamp den freien Menschen nennt, ist dann doch nichts anderes als eine spezielle Boheme, und sein Buch ist ein Vademecum in die gespreizten Sensibilitäten, aus denen sie besteht. Hillenkamp, man ahnt es, lebt als freier Autor in Berlin (und weil er es zu etwas gebracht hat, laut Klappentext auch noch in Stockholm). 400.000 von seinesgleichen soll es in der Stadt geben, angefüllt mit Hoffnung, finanzieller Unterstützung von den Eltern und der unermüdlichen Bereitschaft zum Flottieren im Milieu. Hier herrscht tatsächlich Anything Goes und die ständige Erwartung, dass es morgen besser ist, weil dann die Märchenmonarchenperson (so nennt man das doch hoffentlich einschlägig) gekommen sein wird. Hier kann man hemmungslos um sich und die Unauslotbarkeit des eigenen Egos kreisen, und wenn einer der freien Menschen vulgo Autoren mit einem Werk zu Geld gekommen ist, darf er es die anderen nicht merken lassen und baut sich seine Datscha in Brandenburg, in Stockholm oder im Waldviertel. Was als Buchempfehlung beginnen sollte, dann als Buchrezension gedacht war, hat seine Schlagseite ins Weihnachtliche hiermit verloren. Was mir übrigbleibt, ist eine Form von Ennui: über das Prinzip freier Autor, bevorzugt aus Berlin. Sven Hillenkamp, Das Ende der liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit, Stuttgart: Klett-Cotta 2009

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