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Sonntag

Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe trifft sich zu sehr regelmäßigen Sitzungen, weil es sehr regelmäßig zu allem befragt wird, was die Deutschen nicht auf demokratischem Weg, per Debatte und Kompromiss, lösen können. Entsprechend wenden sie sich an die Obrigkeit, und die verkündet letztinstanzlich und in Erz gemeisselt die Wahrheit. Weil so vieles nicht auf zivilisiertem Weg gelöst werden kann, muss das Verfassungsgericht vielfältig tagen. Ich kenne einen der Richter, er versichert sehr glaubhaft, dass er die Entscheiderei, die seinem Gremium auferlegt ist, selber nicht gut findet. Ab und zu wird einer von den vielen Richtsprüchen so publik, dass die Öffentlichkeit etwas davon mitkriegt. Das ist dann, wenn er boulevardtauglich ist. So zum Beispiel gestern. Kurz gesagt und in der Schlagzeile der „Süddeutschen Zeitung“ gesprochen, lautet er: „Der Sonntag bleibt tabu“. Nicht an allen vier Adventssonntagen dürfen die Läden offen stehen, wurde befunden, der Sonntag, sagt das Gericht, ist ein besonderer Tag, und es bedarf „gesetzlicher Schutzkonzepte“, dass das auch in Zukunft so ist. In Österreich gibt es seine heilige Ruhe ohnedies noch - von jenen Ausnahmen an Tourismus- und Verkehrsknotenpunkten abgesehen, die man dann etwa beim Billa am Praterstern erfahren kann, wo alle Extrawurst- und Wein-im-Tetrapak-Junkies versuchen, sich durch den Tag des Herrn zu retten. Martin Kippenberger,Zuerst die Füße, 1990, Sammlung Tirala Mir selbst ist der Sonntag von Kindheit an verleidet. Am Sonntag musste ich in die Kirche gehen, wobei meine Eltern sich selbstverständlich davon dispensiert hatten. Mittags gab es dann meistens gefülltes Brathuhn, das ich immer noch verachte. Dann musste gemeinsam spazierengegangen und glückliche Familie demonstriert werden, deren Segnungen sich fortsetzten in einem stinklangweiligen Aufenthalt in einer Provinz-Konditorei, in der ich immer auf meine Würstchen warten musste, während die anderen längst satt mit der Verdauung ihrer Kuchen beschäftigt waren. Dafür durfte ich dann, am nächsten Tag war Schule, früh ins Bett. Und das alles passierte, während die herrlichsten Sendungen im Fernsehen liefen, am einzigen Wochentag, wo es Programm quasi rund um die Uhr gab. Aber ohne mich. Es war mir vergönnt, eines der letzten Gespräche mit Martin Kippenberger zu führen. Wir saßen im Café Engländer, und die Rede handelte, wir waren ja in der Hauptstadt des Narzissmus zugange, von Wien. Auf meine stolze Meinung, unser aller Leib- und Magen-Kapitale gelte doch als eine der interessantesten Kunststädte Europas, entfuhr dem Meister nur ein „So? Sagt man das?“ Um dann hinzuzufügen: „Irgendwann wird jede Großstadt zur Kleinstadt. Und sonntags sieht es überall schlimm aus“. Diese Zeile nahm ich dann zur Überschrift bei der Publikation des Interviews: „Sonntags sieht es überall schlimm aus“. Es ist dem Bundesverfassungsgericht zu danken, dass das auch so bleibt.

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