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Die Blase

Am letzten Donnerstag lief auf Arte die deutsche Fassung von Ben Lewis’ Kunstmarkt-Doku „The Great Contemporary Art Bubble“. Die „Millionenblase“, wie sie die Auktionen und Galerien in Atem hielt, ist ja, und dem Film war die Schadenfreude darüber deutlich anzusehen, wie vieles in der Zwischenzeit geplatzt. Wie Lewis sich einschlich bei den New Yorker Hybridwesen, die stets Sammler, Händler, Spekulanten in einem sind, wie er sie umgarnte und ihnen Statements aus der Nase zog, die bei aller Heimlichtuerei doch eine offensichtliche Botschaft beinhalteten, war beeindruckend. Schon vor mehr als 20 Jahren, und Lewis ließ es sich nicht nehmen, darauf genüsslich hinzuweisen, gab es eine bezeichnende Intervention von Sotheby’s in den Verlauf einer Autkion. Van Goghs „Schwertlilien“ standen zur Auswahl, und es gab zwei Interessenten: Einen Japaner, der fünfzig Millionen ausgeben konnte, und einen Australier, Alan Bond, der nur die Hälfte so potent war. Was lag also näher, als dass Sotheby’s dem Australier jene 25 Millionen borgte, die die beiden Kontrahenten gleichauf brachten und damit ein Bietergefecht bis zum Letzten möglich machten. Am Ende stand ein Abschluss in damaliger Weltrekordhöhe. Sotheby’s hat sich verpflichtet, derlei in Zukunft zu unterlassen, und was es heute gibt, sagt der Film, sind Kartelle. Es gibt sie um Warhol herum, oder auch um Jeff Koons. Als dessen großdimensioniertes „Hanging Heart“ von Larry Gagosian an den Sammler Adam Lindemann für drei Millionen (alles jeweils in Dollar) verkauft wurde, um es kurze Zeit später für deren 23 zurückzuerwerben, konnte es nur eine Erklärung geben: Da haben sich einige zusammengetan, um die Preise zu pushen. Kunst hat immer mit Künstlichkeit zu tun, und das Artifiziellste schienen jetzt die Beträge zu sein, die man für Gegenwärtiges verlangt. Irgendwo sitzt schon ein Scheich, der bereit ist, das verlangte Geld dann auch hinzublättern. Wie immer zahlt der Letzte. Auch der Kunstbetrieb ist ein Kettenbrief. Damien Hirst, For The Love of God, Schädel, 8.601 Diamanten, © VBK, Wien 2009 Mit unverhohlener Bewunderung und ebensolchem Narzissmus erzählt der Film dann die Geschichte von Damien Hirsts letztjähriger Septemberauktion, am Tag der Lehman-Pleite. Er selbst, sagt Lewis und wir wollen es ihm durchaus glauben, sei der Ausgangspunkt gewesen. Im Zuge seiner Recherchen um die Global Players des Galeriewesens sei ihm von einem Mitarbeiter von Jay Joplings Londoner „White Cube“ eine Liste zugespielt worden, die aufzählte, was alles von Damien Hirst in der Galerie liegengeblieben war. 400 Posten, und nachdem zuvor schon ruchbar geworden war, dass der diamantenbesetzte Schädel von einem Konsortium, dem der Künstler selbst angehörte, gekauft werden musste, drohte der Hirst’schen Reputation weiteres Ungemach. Lewis nämlich verscherbelte die Liste an das Art Newspaper, das sie sogleich im August 2008 auf ihre Titelseite setzte. Hirst, und das macht seine Größe aus, ergriff nun die Flucht nach vorne und scheuchte seine beiden Haupt- und Staatsgaleristen Gagosian und Jopling gleich mit in die Offensive. Denen blieb bei der Versteigerung nichts anderes übrig als es so aussehen zu lassen, dass alles von Hirst sich unverzüglich und mit allerbedeutendster Gewinnspanne verkaufen ließe. Sie mussten, ihre eigenen Lagerbestände im Auge, mitbieten, mit hochtreiben und vor allem dann auf den Plan treten, wenn die Dramaturgie stockte, und das passierte mehrmals. Das Ergebnis ist bekannt: Die ganze Ware losgeworden, zu unglaublichen 110 Millionen. Und alles an Hirst. Vielleicht geschah es nicht trotz, sondern gerade wegen der Lehman-Pleite, dass es so gut lief. Auf dem Kunstmarkt wurde noch einmal so getan, als sei alles in Ordnung. Als gäbe es noch Sicherheit, ein Refugium, wo allein das Nicht-Ökonomische zählt und nur die Wahrheit. Gerade weil man vorgab, als setzte man ausschließlich auf den Wert, schnellte der Preis hoch. Auf seine Art hat sich Hirst, der Künstler, gegen Gagosian-Jopling, die Händler, damit durchgesetzt: Der Film insinuiert, dass Hirst hier in der Tat so etwas wie Genialität aufbrachte. Dass ausgerechnet an diesem Tag auch noch alles zusammenbrach, war dann zusätzlich Glück.

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