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Monografie

Nächste Woche, so flattert mir eine Mitteilung der Sammlung Verbund ins Haus, erscheint ein Buch über Birgit Jürgenssen. Das ist lobensert und überfällig und im Verlag Hatje Cantz zu haben. Herausgegeben ist es von Gabriele Schor und Abigail Solomon-Godeau und enthält neben Texten der beiden Editorinnen unter anderem auch noch solche von Sigrid Schade oder Elisabeth Bronfen sowie von der 2003 verstorbenen Künstlerin selber. Für eine gediegen feministische Sicht wird allemal gesorgt sein, und das wird dem Band auch nicht zum Nachteil gereichen. Was die Publikation allerdings nicht sein wird, ist als was sie vollmundig angekündigt wird: eine Monografie. Das klingt zwar gut, ist aber was anderes. Eine Monografie, bitteschön, ist der durchaus anmaßend angelegte Versuch, einem Einzelphänomen, einer Einzelgestalt oder einem Einzelaspekt mit den Mitteln des seinerseits Monomanen zu begegnen und für die Schneise, die man einigermaßen willkürlich durch das Gegebene schlägt, dann auch individuell gerade zu stehen. Eine Monografie hat traditionellerweise einen einzigen Autor, und auch wenn es deren mehrere sind, ist sie etwas anderes als eine Aufsatzsammlung, bei der die Beitragenden das zu Betrachtende unter diejenige Lupe nehmen, die sie ohnedies bei der Hand haben, weil sie zu ihrer generellen Arbeit passt. Eine Monografie bezieht die Methode auf sich. Eine Anthologie lebt von der Vielfalt der Methoden und der Facettierung der Perspektiven. Das Jürgenssen-Buch kann so gesehen nichts anderes als eine Anthologie sein (noch dazu, wo ein Text der Künstlerin selbst dabei ist). Birgit Jürgenssen, Ich möchte hier raus!, 1976, S/W-Fotografie auf Barytpapier, 40 x 30,9 cm, Nachlass Birgit Jürgenssen, VBK, Wien 2009 Man mag das für eine Definitionsfrage und für pure Begriffsklauberei halten. Ist es auch, bzw. wäre es, wenn nicht gerade im Kunstbetrieb die Neigung Überhand nehmen würde, den Babies, die sie da in die Welt setzen, immer hochgebauschtere Namen zu verpassen. Was hier passiert, ist Etikettenschwindel. Es wird akademisch getan, wo nichts anderes als die typischen Kalküle der Art World das Hauptmotiv sind. Paradebeispiel für diese Verfahren, in denen die universitäre Reputation, mit Verlaub, abgestaubt wird, sind manche der Publikationen, bei denen Hans-Ulrich Obrist als Herausgeber fungiert. Bei Gerhard Richters „Text“ etwa gibt es eine lange Folge an Texten des Meisters selbst oder an Interviews, die Richter geführt hat. Die Tätigkeit des „Herausgebers“ besteht darin, ein weiteres Interview und ein Nachwort beizusteuern und anzugeben, welchen Magazinen oder Katalogen er die Beiträge entnommen hat. Kommentiert, eingeordnet, in Kontexte überführt ist da überhaupt nichts. Es ist vielmehr genau das, was heutzutage ein Museumsdirektor macht: ein Begleitwort schreiben und diejenigen kurz erwähnen, die die Arbeit getan haben. So kann man es sicherlich zu etwas bringen. Die Seriosität indes, die hier zum Tragen kommt, ist bestenfalls eine des Betriebs.

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