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Der österreichische Mensch

Robert Musil hat seinesgleichen einen Möglichkeitsmenschen genannt. Zwar ist zunächst nur Ulrich damit gemeint, der Mann ohne Eigenschaften, aber irgendwie ist der Zauderer und Zögerer, der die „Einrichtung seines Hauses dem Genie seiner Lieferanten“ überließ, in den Seelen aller, die sich Österreicher nennen. Was Musil als Kakanien in den Raum stellt, ist eine der sympathischeren Varianten von Erklärung, was es mit dem österreichischen Menschen auf sich hat. Diesem Menschen ist jetzt William Johnston nachgegangen, der amerikanische Historiker, der dem Land bereits 1974 eine Kultur- und Geistesgeschichte gewidmet hat. Bei Böhlau gibt es sein neuestes Werk, er hat es auf deutsch geschrieben, die Sprache, die er an den Tag legt, ist nicht unbedingt brillant, aber oft diejenige seiner Zitate. Musil ist sicherlich der bekannteste der Höhlenforscher in den Abgründen des Austriakischen. Aber er ist nicht der beste. Das ist ein heute vergessener Wiener Landesschulinspektor – allein dieses Amt spricht schon Bände - namens Benda. Oskar Benda schrieb im Jahre 1936, kurz bevor es dann vorbei war mit der Spezies des Homo Sapiens Austriacus. Hier Bendas sechs Wortpaare zur Schilderung des besagten Menschen: „1. Anpässlichkeit und Schwerfälligkeit, 2. unruhiger Aktivismus und ein Hang zum Quietismus, 3. einschmeichlerische Liebenswürdigkeit und galliges Nörglertum, 4. überschäumende Lebensfreude und abgründige Schwermut, 5. leicht entzündlicher Optimismus und rasche Resignationsbereitschaft und 6. Phantasieflug ins Heroische und kritischer Blick für alle Subtilitäten des Privaten und Persönlichen.“ Wer wollte da nicht einstimmen. Cover Gestaltung "Der österreichische Mensch" Benda hat auch eine historische Erklärung dafür parat. Es waren die Beamten und ihre freischwebende Intelligenz, an denen sich die Mentalität entwickelte, die „Dienstaristokratie“, wie Benda sagt, die im Auftrag des Gemeinwohls unterwegs war und nirgends ganz zuhause. Sie hat das Land zusammengehalten, und ihre Witwen, so darf man hinzufügen, tun das noch heute. Doch es wäre nicht Österreich, käme zum Lob des Verwaltungspersonals nicht das krasseste Dementi: „Keiner, der einmal dem österreichischen Bureaukratismus verfallen ist, hat je die Kraft, innerlich der schlimmsten Abart des Cäsarenwahns zu widerstehen: unserem Beamtenwahn.“ Hermann Bahr hat das geschrieben, und wahrscheinlich ist es ohnedies das Österreichischste, die eine Meinung zu haben und die andere gleich mit. Bis ins Jahr 1967 verfolgt Johnston die Wortspenden. Dann, sagt er, hat sich einiges geändert. Aus den Untersuchungen zur Genese der österreichischen Seele sind solche zur Identität geworden, und der Staat und seine Kultur werden mit einmal synonym gesehen. Vorher waren die Sphären getrennt, rekonstruiert Johnston, und die meisten, Hofmannsthal etwa oder auch Musil, fanden das durchaus in Ordnung. Seit den Siebzigern ist das Östereichische immer schon Ergebnis einer Kulturpolitik, und wehe jemand wagt es, diesem speziellen Interventionismus die Absage zu erteilen. Auch wenn Johnston es nicht explizit sagt: Seit den Siebzigern ist das Ausloten des Österreichischen nichts anderes als langweilig. Die beste Erklärung für diesen Menschen, die ich kenne, steht allerdings nicht in diesem Buch. Sie stammt von Marie Herzfeld, der Essayistin und Übersetzerin, und sei hier nachgeliefert. Im Jahr 1891 hat sie die folgenden treffenden Worte über Hermann Bahr gefunden: „Bahr bleibt in jeder Verkleidung doch immer der Österreicher... Österreicher in der Gabe, sich allem zu assimilieren, mit der jeweiligen Umgebung zu verschmelzen, deutsch mit den Deutschen zu fühlen, französisch mit den Franzosen, russisch mit den Russen und dann plötzlich sich zurückzunehmen und nichts zu sein als der alte Österreicher, der seinen Wienfluß am Manzanares findet und überall ein Lerchenfeld – ein Lerchenfeld, um in derbem Gehenlassen von den schweren Mühen des Raffinements sich etwas zu erholen.“ Im derben Gehenlassen sich von den Mühen des Raffinements zu erholen: Das ist Österreich. William M. Johnston, Der österreichische Mensch. Kulturgeschichte der Eigenart Österreichs, 394 Seiten, Wien/Köln/Graz: Böhlau 2009

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