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Protest

Einer meiner Professoren hat in den sechziger Jahren in Wien studiert. Nein, es soll jetzt nicht nochmal um das leidige Problem der Verteilung von Österreichern und Deutschen an den hiesigen Universitäten gehen. Sondern darum, was dort im Moment passiert. Um den Protest. Die so genannte Uni-Ferkelei, eine Aktion mit dem offiziellen Titel „Kunst und Revolution“, fand am 7. Juni 1968 vor rund 300 Zuschauern im Hörsaal 1 des NIG (Neues Institutsgebäude) der Universität Wien statt. Mein Professor hat sich gern daran erinnert, wie sie in Wien auch einmal Revolte haben wollten. So war ein Protestzug organisiert worden, Beginn an der Universität, mit Rufen und Reden eine Runde den Ring entlang, bis das Ganze am Parlament zu seinem Finale kommen sollte. Da stand man nun nach vollbrachter Kreisbewegung, wusste nicht recht, was tun, und begann zu singen. Man sang Einschlägiges, und es hörte sich an wie „Gaudeamus Igitur“. Die Pointe für meinen Professor bestand speziell darin, dass das Absingen die sechste Strophe des Liedes beinhaltete. Sie geht so: „Vivat et respublica/et qui illam regit/vivat nostra civitas/Maecenatum caritas/qui nos hic protegit“. Auf Deutsch heißt das ungefähr: Es lebe der Staat und wer ihn regiert. Es lebe unser Gemeinwesen und die Fürsorge der Mäzene, die uns hier beschützt“. Ankündigung des "Vortrags". Quelle ONB So war das damals in Österreich mit der Revolte. Dazu passt auch gut das „Kunst und Revolution“-Spektakel, das einst im Juni an der Wiener Uni über die Bühne ging. Brus, Mühl, Weibel, Kaltenbäck warfen sich auf zur Personalunion der 68er Umtriebe, es wurde gesungen, gewichst und gekackt, man hat das alles in der Zwischenzeit memoriert. Weniger bekannt ist, dass ein Zettel die Runde machte, auf dem Weibel eine Art Manifest notiert hatte. Die Schlusszeile des Pamphlets las sich dabei durchaus diffizil: „Peter Weibel arbeitet mit Geräten von Philips“. So war das damals mit der Revolte: Irgendwo zwischen einer Hymne auf die Mäzene und einer auf die Sponsoren brachte sie sich zur Geltung. Besetzung des Audimax, Wien 2009 Als vor 20 Jahren tatsächlich etwas mehr passierte als Party, brachte Jürgen Habermas die Ereignisse im Osten auf den schönen Begriff von der „nachholenden Revolution“. Was jetzt zu bemerken ist, in Wien, in Graz, und wo immer auch noch man den Hahn auf den Mist schickt, ist seinerseits so etwas: ein nachholender Protest. Die Geschichtsbücher werden es vermerken.

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