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Peter Weibel - Zur modernen Finanzarchitektur und Bewohnbare Bibliotheken: Der Polyartist als Politartist

Oftmals kommen die seltsamsten Dinge heraus, wenn man das Naheliegendste tut. Zum Beispiel kann man die Welt einfach wörtlich nehmen. Ahnherr des Ganzen ist Diogenes, der von Alexander dem Großen vorgeworfen bekam, er würde sich wie ein Hund benehmen, und der dem Eroberer sodann ans Bein pinkelte. Bei Woody Allen gibt es eine Szene, die vom „Stück Land“ des Großvaters erzählt und den ehrwürdigen Alten zeigt, wie er einen Packen Humus in der Hand hält. Man kann, wenn man Baselitz heißt, die Dinge auf den Kopf stellen. Und wenn man als Peter Weibel weltberühmt ist, dann baut man eine Installation mit dem Titel „Zur modernen Finanzarchitektur“, die eine Bretterbude ist, Favela aus allerhand Weggeschmissenem zwischen Aktenordner und Hochglanzkiste von Yves Saint Laurent. Man fügt einen Stapel Zeitungen unter eine Stele aus Plexiglas, stellt eine schwarze Pyramide ganz nah daneben und nennt das Arrangement „Im Schatten der schweigenden Mehrheit“. Oder man nimmt ein Foto einer Kurstabelle aus der Börse, strichelt die Kurve mit weißen Pulver nach, dass es aussieht, als wäre es Kokain, und lässt sich als Motto „Line of Crime“ einfallen. Peter Weibel ist in seiner momentanen Ausstellung bei Grita Insam um keine Buchstäblichkeit verlegen. Das steht in aller Konsequenz zu seinem frühen Oeuvre, zu den Sprachbasteleien und Konzeptualitäten der Sechziger und Siebziger. Und es ist auf frappierende Weise aktuell. Weibel geht brachial zu Werke, platt, geradlinig bis zur Banalität, doch was wäre brachialer und banaler als die Umstände, die er aufs Korn nimmt. Weibel hat jene „Kontext Kunst“, die er Anfang der Neunziger propagierte, auf die Spitze getrieben und unmittelbar, unzumutbar und unschlagbar reagiert. Was hier vorgeführt wird, ist keine Karikatur. Es ist die pure Realität. Im zweiten Raum der Galerie geht es dann versonnener zu. Nach langen Jahren der Diaspora hat sich Weibel entschlossen, Karlsruhe, dessen ZKM er leitet, zu so etwas wie seinem Wohnort zu nehmen, was bedeutet, dass er eine zigtausend Bücher starke Bibliothek dorthin transferiert hat. Das Wohnklo, das ihm jenseits seiner Regalwände noch bleibt, ist der Anlass gewesen, über eine Architektur nachzudenken bzw. von Studierenden der Angewandten nachdenken zu lassen, die die Kilometer an Stellagen mit angenehmem Aufenthalt verbinden. Hier ist Weibel nachgerade poetisch. Weiter vorne ist er direkt, konkret, hier ist der Polyartist ein Politartist. So etwas kann gerade in der Gegenwart nicht schaden.
Peter Weibel - Zur modernen Finanzarchitektur und Bewohnbare Bibliotheken
27.03 - 25.04.2009

Galerie Grita Insam
1010 Wien, An der Hülben 3
Tel: + 43 1 512 53 30, Fax: +43 1 512 5330 15
Öffnungszeiten: geschlossen


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