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Bad Gallery

Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus. Kanzlerinnen, die allein beim Anblick dieses Wortes bis dato ein Kreuzzeichen geschlagen haben, sprechen es nun unverblümt aus: Enteignung. Kantone, die bis dato ihre goldenen Nasen in die Höhe reckten, formulieren es nun mit der geballten Mehrheit ihrer Bewohner: Steuergerechtigkeit. Zwergstaaten hinter den sieben Bergen, die bis dato ergeben der Kanzel lauschten, deponieren es nun im Vatikan: Protest. Zweifellos, durch das Abendland fegt der Linksruck. Die Lage war noch nie so ernst. Gerade hat Daimler sein Betriebsergebnis für 2008 bekannt gegeben, und es ist, wie der Standard exemplarisch den Aufschrei gellen lässt, „noch schlimmer“ als „von den Experten befürchtet“. Sage und schreibe 2,7 Milliarden Euro. Nicht Verlust, schon Gewinn, doch angesichts der Katastrophe ist das nun wirklich egal. Da hilft bestenfalls der Ruf nach der Sintflut. Und die Kultur, so sieht es aus, steht machtlos vis-à-vis. Was noch Filme drehen kann, ist Mister Madoff zum Opfer gefallen. Supersponsor Vilar sieht die Welt seit geraumer Zeit durch schwedische Gardinen, und die Albertina hat auch schon eine Immendorf-Schau abgesagt. Da meldet sich aus München Rüdiger Schöttle zu Wort, der Galerist mit seinen 40 Dienstjahren auf dem Buckel, eine Eiche im Wind der Veränderung. Er hat einen Vorschlag, und dieser sei hiermit in aller Vehemenz aufgegriffen. Wir brauchen, so geht die Forderung der Stunde, eine Bad Gallery. Mögen sie sich streiten um die Bad Bank, wo all der Unrat hinkommen soll, die faulen Kredite und toxischen Werte und was dergleichen in die Nase steigt. Lasst die Ökonomie reden. Retten wir in der Zwischenzeit den Kunstbetrieb. Jede Galerie, die es für nötig hält, gibt ihr von Missachtung und Widerwillen kontaminiertes Gut an die vom Steuerzahler dafür vorgesehene Sammelstelle. Im Gegenzug erhält sie einen bestimmten Geldwert, der sich errechnet aus der Summe von Ankaufsbetrag, Lagerkosten und Entschädigung für vergossenes Herzblut abzüglich eventueller überraschender Einnahmen durch Blitzverkäufe auf Messen. Die Öffentlichkeit haftet erfreut bei privater Misere, denn endlich ist die Kunstklemme, in der wir, seien wir ehrlich, seit Jahren stecken, gemeistert. Die Republik Österreich hat das Prinzip im seligen vorigen Jahrhundert schon einmal angedacht. Es war eine Konstruktion mit Anlage in Kunst und Abzugsfähigkeit von Kunst und nachfolgender Pleite durch Kunst. Die Sache indes blieb auf sich beschränkt. Es musste schon eine globale Krise kommen. Nun ist sie da. Die Bad Gallery wird sie auffangen.

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