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Geste und Gestaltung

Hypnerotomachia Poliphili: Unter diesem schönen Titel firmiert eine Publikation, die im Jahr 1499 im Verlag des Aldus Manutius in Venedig erschien. Gleich zu Beginn des Druckwesens sind hier die Kennzeichen eines Künstlerbuchs versammelt: Höchst seltsam überschrieben, gut gemacht, mit sorgfältiger Ponderation von Bild und Text, von geringer Auflage, vor allem unter der Kollegenschaft verbreitet (das Exemplar, das Albrecht Dürer gehörte, liegt heute in der Münchner Staatsbibliothek), von krudem Inhalt und unermüdlichem Kreisen um des Autors Selbstverständnis. Mit einem Wort: Völlig versponnen. Champs d\expérience: Unter diesem, löblicherweise nicht englisch gehaltenen Titel bringt Florian Pumhösl ein Unternehmen auf den Weg, das einmal eine Editionenreihe werden soll. Die BAWAG Foundation steuert die Herausgeberschaft bei, Brigitte Huck die Kuratorenschaft. Pumhösl, in Layout-Dingen vielfältig unterwegs, setzt die Maßstäbe. Sie sind, was Geste und Gestaltung angeht, höchst nobel. Unter anderen Dorit Margreiter und Christian Philipp Müller sollen ihm folgen: Auch sie stehen für das wieder erwachte Interesse am Design und damit an ästhetischen Dingen, die mit dem Nicht-Autonomen kokettieren. Pumhösls Erfahrungsfelder tun sich in Afrika auf. Für sein Künstler-Reise-Buch hat er zwei Videos, die er auf Madagaskar und in Uganda produzierte, derart bearbeitet, dass sie wie Filme funktionieren. In Einzelbilder parzelliert, ziehen sie sich nun, jeweils 32 Aufnahmen umfassend, über die Seiten. Der Recherche-Duktus, der den Bändern eigen war, das Dokumentarische und Investigative gehen dabei verloren. Germano Celant, der Apostel der Arte Povera, schrieb einst einen Aufsatz, der zwei Titel trägt. Auf dem Cover heißt es \"Das Buch als Kunstform\", am Beginn des Textes dagegen \"Das Kunstwerk als Buch\". Die linke und die rechte Seite der Formulierung sind offensichtlich austauschbar. Das Künstlerbuch ist, mit anderen Worten, eine höchst autonome Angelegenheit. Und so ist es, gerade im Vergleich zum Video, nicht minder bei Pumhösl. Das Künstlerbuch ist damit seiner Tradition ganz konform: Völlig versponnen. Christine Kintisch (Hg.): Florian Pumhösl. Champs d\expérience, BAWAG Foundation Edition, Wien 2002

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