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Nichts verkommen lassen

Vielleicht war das bemerkenswerteste an der Meldung, dass es ziemlich viele Postings gab. Tatsächlich, auf der Online-Seite der „Presse“ gab es Leserreaktion. Anders als beim „Standard“, wo sich das gesunde Empfinden an der Tatsache, dass es in der Welt ist, nach Herzenslust weidet, zeigen die „Presse“ und ihre Internetklientel täglich Seriosität. Doch diesmal, immerhin in aller Nonchalance, Rückmeldungen. Was war passiert? Der Seite „diepresse.at“ war zu entnehmen, dass der honorige Exkanzler Gusenbauer einer eigenartigen Persönlichkeitsveränderung unterzogen worden ist. „Österreich“, die Tageszeitung, die Ausgabe für Ausgabe den Tiefststand an Seichtheit auslotet, hat einen Steuerbetrug aufgedeckt und zur Bebilderung des Skandals auf ein Foto zurückgegriffen, das einen der beiden mutmaßlichen Delinquenten zeigt. Darüber hinaus zeigt dieses Foto Alfred Gusenbauer, der aber unschuldig ist. Es gibt indes noch einen zweiten mutmaßlichen Delinquenten, von dem man auch ein Bild hatte, aber ein anderes. Was lag also näher für „Österreich“, als Delinquent eins und Delinquent zwei per Fotomontage, oder wie das heute heißt PhotoShop, zueinander zu bringen? Der Preis war Gusenbauer, der von der Abbildung ebenso verschwand wie vor vier Monaten von der internationalen Bildfläche. „Österreich“ hatte, wie die Konkurrenz vom Qualitätsboulevard es genüsslich rekonstruiert, ganze Arbeit geleistet. Klar, man denkt jetzt gleich an Lenin. An Lenin, wie er von der Rednertribüne herunter agitiert, seine Bolschewiken um sich geschart. Und an die zwei Fotos, die den Revolutionsführer in voller Schönheit zeigen, ihn und sein Politbüro, und wo einmal Trotzki drauf ist und das andere Mal nicht. Damnatio Memoriae. Tilgung, Ausmerzung, schon einmal symbolisch, was später ganz physisch passieren wird. Vielleicht denkt man auch nur an Königin Sofia von Spanien, die das Weihnachtsidyll ihrer Familie vorletztes Jahr höchsteigen am Computer zusammensetzte, mit Mann und Mobiliar, doch etwas linkisch und allzu deutlich softwaregesteuert, zudem ein wenig an Goya gemahnend und an dessen Gruppenporträt vom Vorfahr Karl dem Vierten und seiner Sippschaft. Lustig gemacht hat man sich schon seinerzeit, und jetzt bei Reina Sofia auch wieder. Für unsereinen ergibt das nun die Gelegenheit, einmal mehr daran zu erinnern, dass „Österreich“ natürlich für Österreich steht. Und an Sigmund Freud zu erinnern sowie an dessen unsterbliche Bestimmung vom analen Charakter. Solche Typen, wir kennen sie längst, beschäftigen sich in einer eigenartigen Faszination mit Dingen, die sie eigentlich ekelhaft finden, von denen sie aber nicht loskommen. Wer putzt, beschäftigt sich dauernd mit Dreck. Und der Pornojäger Humer schaut sich einen Geschlechtsakt nach dem anderen an, natürlich nur, um sich zu empören. Gusenbauer schließlich ist abgewählt. Entsprechend taucht er ab, um doch wieder aufzutauchen. Und umgekehrt. So oder so lassen „Österreich“ und Österreich nichts verkommen.

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