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Der Winter unserer Bedrängnis

Bis heute ist ein Bild im Louvre falsch beschriftet. Es hängt ganz repräsentativ im Saal der französischen Großformate, dort, wo auch David hängt, Delacroix, Ingres. Das Bild stammt von Anne-Louis Girodet-Trioson, ist gemalt im Jahr 1806 und zeigt, so lässt sich dem Schildchen entnehmen, eine „Scène du déluge“, eine Szene aus der Sintflut, aus der Sintflut schlechthin, der biblischen, die alles mit sich riss außer Noah und seiner Arche. Das stimmt aber so nicht, es muss nämlich heißen „Scène de déluge“, Sintflut-Szene, Szene aus irgendeiner Sintflut, wo das Wasser steigt und die Bewohner verzweifeln. Girodet selbst hat umgehend versucht, die Beschriftung in diesem Sinn zu ändern. Er hat auch einen Begleittext verfasst, in dem jeder Bibel-Bezug dementiert und von „Leuten auf den Klippen der Welt“ geredet wird und davon, dass die „unglückliche Familie“, die das Bild zeigt, „Heil und Glück nur auf brüchigem Halt“ finde. Girodets Darstellung selber ist in Komposition und Figurengestaltung angefüllt von hohem Stil, ist von michelangelesker Dramatik und beflissenster Klassizität, eben wie es sich gehört für die großen Geschichten göttlicher Rache. Doch Gott ist ausgefallen, und das hochgetürmt Sublime von Girodets Malerei sieht sich heruntergeholt ins Genre einer Kernfamilie, die aus der Bahn geraten ist. Die Rhetorik ist aufs Äußerste gestelzt, das, wofür sie eingesetzt wird, aber ist Biedermeier. Form und Inhalt, so könnte man es sagen, sind auseinandergefallen. So ist sie die Moderne, auch wenn man es im Louvre bis heute nicht glauben mag. „Die Hauptstadt war aufgegeben. Der Feind rückte vor. Der Schnee war blutbefleckt. In einem Augenblick, in dem der Ausgang unserer Revolution am zweifelhaftesten erschien, ordnete der Vater unserer Nation an, dass diese Worte den Menschen vorgelesen werden: ‚Lasst es der künftigen Welt gesagt sein... dass in den Tiefen des Winters, als nichts als Hoffnung und Tugend überleben konnten... dass die Stadt und das Land, alarmiert von einer gemeinsamen Bedrohung, zusammenkamen, um dagegen anzugehen.’ Amerika. Angesichts der gemeinsamen Bedrohungen, in diesem Winter unserer Bedrängnis, lasst uns dieser zeitlosen Worte gedenken. Mit Hoffnung und Tugend, lasst uns wieder den eisigen Strömungen trotzen und aushalten, was immer an Stürmen kommen mag.“ Sie klingelt noch in den Ohren, diese Schlusspassage von Obamas Antrittsrede. Gordon Brown wird es auch geklingelt haben, als vom „Enemy“ schwadroniert wurde, dem George Washington, der „Vater unserer Nation“, einst die Stirn geboten hatte. Nach aller historischen Erfahrung muss dieser Feind die Briten gewesen sein, doch was ist schon Geschichte im mythischen Moment ihrer Rückführung in Natur. Also ist Winter, der „Winter unserer Bedrängnis“, „this winter of our hardship“. Mit Wucht prallt hier der hohe Stil auf die Niedrigkeit der hausgemachten Verhältnisse. Rhetorik ist wie und je das eine, die Unfähigkeit, sich gesittet zu benehmen und die Welt mit dem notorischen „Pursuit of Happiness“ zu verschonen, ist das andere. Amerika auf den Klippen der Welt: Form und Inhalt sind weiterhin und weithin auseinander. Selbst Obama wird sie, wie womöglich manches andere auch, nicht zusammenbringen.

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