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Das muss Österreich sein

Die Ferien sind zu Ende. Die Schulbänke sind wieder besetzt, die Ministerien auch, im Gastgarten räumen sie die Tische hinein, und bei den Galerien die Installationen heraus. Die Zelte der Tutanchamun-Ausstellung sind noch überflüssiger als vorher. Im Stephansdom werden die Zäune wieder weggeschafft, die den Besucherstrom kanalisieren wie früher nur die „Teerag-Asdag“-Barrieren, die sie pünktlich zum Beginn der Hochsaison in die Fußgängerzone stellten. Im vierten Jahr bereits gefällt es der Dom- und Metropolitankirche St. Stephan, von Juli bis Mitte September Eintritt ins Heiligste der Halle nur dann zu gewähren, wenn Eintritt gezahlt wird. Sechs Euro werden einem abgenommen, wenn man die Pilgram-Kanzel auch von vorne und das Lego-Kreuz von Manfred Erjautz in ganzer Schönheit bewundern will, wenn man die Pantoffel des Hl. Johannes Capistran zum Anlass für eine kurze Andacht nehmen oder vor der Dienstbotenmadonna eine Kerze anzünden will - was bei meinem Besuch zur Folge hatte, dass eine einzige Funzel zur Ehre der Gottesmutter ihr Hälschen reckte. Fünf Euro fünfzig hätte es gekostet, hätte ich den Audio-Guide akzeptiert. Restaurants, in denen keine Musik läuft, sind heutzutage teurer als die mit Beschallung. Offenbar ist auch die himmlische Speisung mit Werbebotschaft günstiger. Österreichs Klerus lebt längst ganz ungeniert. Und Wien internationalisiert sich zusehends. Jetzt haben sie schon Frischwasserstationen aufgebaut, als wäre man in Rom; dort allerdings ist auch der Petersdom kostenlos, wenngleich man sich einer Einbahnstraßenregelung unterwerfen muss. Jetzt verlangen sie also Geld für die Kirche, als wäre man in London; dort allerdings gibt es dafür dann die Museen ohne Barschaft. In Barcelona hat der Direktor des Picasso-Museums angekündigt, auf die Hunderttausende zu verzichten, zu denen seine Besucher kommen. Doch wen will er aussperren? Die Bustouristen, die Armen, diejenigen ohne ICOM-Ausweis? Von abends sieben bis neun kann man übrigens die Vatikanischen Museen durchwandern. Ganz allein. Kostet 2.000 Euro. So geht es auch. Doch es ist wirklich ein Problem. Billigflugreisen und Kulturboom gibt es schon länger, den Wohlstand im Westen genauso; hinzu kommen in den letzten Jahren etwa hundert Millionen Russen, 150 Millionen Inder und 200 Millionen Chinesen. All das hat längst zum Overkill geführt, und die Gnadenlosigkeit, mit der man als Tourist ausgenommen und als Zähl- und Zahlvieh behandelt, vulgo: verarscht wird, stinkt zum Himmel. Freundlichkeit ist längst nicht mehr im Angebot, dafür kostet es das Doppelte. Ein Tritt zum Eintritt. Der Mensch stellt das größte Ökologieproblem dar. Einmal mehr zeigt die Ökonomie, dass ihr das nur recht kommt.

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Eintrittsgebühren
Peter Keller | 12.09.2008 09:20 | antworten
Sehr geehrter Herr Metzger, so einfach ist es nicht. Die Frage der Eintrittsgebühren wird kirchlicherseits durchaus kontrovers diskutiert, unter Abwägung denkkmalpflegerischer, theologischer und anderer Gesichtspunkte. Der Salzburger Dom, z. B., hat 2 Mio. Besucher im Jahr, der Kölner Dom 7 Mio. Diese Besucherströme belasten die historischen Gebäude physisch. Die Belastungen reichen von der Verschmutzung und Abnutzung der historischen Fußbodenmosaiken und -marmorplatten über die Belastung der Luft durch zu hohe Feuchtigkeit bis hin zum Müll. Die Besucher hinterlassen alles Mögliche in den Bänken und Beichtstühlen, von leeren Getränkedosen bis zu gebrauchten Kondomen. Unter diesen konservatorischen Gesichtspunkten dienen Eintrittsgebühren einfach der Regulierung der Besucherströme - leider. Auch das Anne-Frank-Haus und das Museum "Onze lieve Heer op Solder" in Amsterdam, beide in alten Wohnhäusern, haben Probleme mit zu vielen Besuchern in historischen Gebäuden. Dennoch soll - und wird in der Regel - jedem Kirchenbesucher, der beten will, freier Eintritt gewährt. Das Argumente gegen Eintrittsgebühren ist, dass in Österreich und Deutschland Kirchenbeitrag bzw. -steuer erhoben wird. Aus diesem Grund entscheiden sich fast alle Kirchen gegen eine Gebühr. Mit besten Grüßen, Peter Keller Dommuseum zu Salzburg

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