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Thomas Struth: Der Zeit ihre Stirn

An München merkt man, dass man älter wird. Six Friedrich hat die frühen Sechziger mit ihrem Heiner amerikanisiert, und immer noch keine Eröffnung ohne sie. Bernd Klüser, Ingvild Goetz, Fred Jahn. Rupprecht Geiger, dessen Vater ein Freund von Thomas Mann war, ist gerade Hundert geworden. Das Schumann’s ist zwar umgezogen, aber vom Kellner bis zum Bier hat sich wenig geändert. Im Kunstbau des Lenbachhauses geben sie „Favoriten“, die Schau der Jungen. Ich war der einzige Besucher. Die Münchner Kulturgesellschaft ist in Würde in die Jahre gekommen. Rüdiger Schöttle hat mit seiner Galerie gerade den Vierzigsten begangen, er ist zwar auch umgezogen, aber die lange Dauer ist mitgewechselt. Thomas Struth ist derzeit bei Schöttle zu sehen, der Fotograf, den man einst zur Becher-Schule zählte, als es noch Eleven gab. Im Jahr 1980 hat Schöttle die erste Einzelschau von Struth gezeigt (nur nebenbei: bei Thomas Ruff war es 1981, bei Candida Höfer 1985). Struth stellt Teile einer Serie aus, die „Familienleben“ betitelt ist. In strengem Streben nach Stilisierung, wie es bei den weiland Düsseldorfern üblich ist, lichtet der Fotograf Menschen in ihren vier Wänden ab, alles ganz offiziell und öffentlich, mit Namen versehen, Wohnort und Datum der Aufnahme. Die Okutsu Familie im japanischen Yamaguchi wird in ihrem „Western Room“ vorgestellt, und wie sie auf ihrer Couch postiert ist und auf adrettes Abendländertum macht, fällt auf, dass es hinten links einen Raum mit originär Einheimischem gibt und sie selber derlei auch besser gewöhnt wäre, wie sie kniet und auf dem Boden lagert und das Sofa eigentlich nicht braucht. Die Barlow Familie aus New York hat augenscheinlich zwei Latino-Mädchen adoptiert, und die Rosenfelds aus Philadelphia führen ihre Vielköpfigkeit vor einer Weltkarte vor, bei der Amerika in der Mitte liegt und Asien deswegen zerschnitten ist. Viel Soziologie ließe sich treiben, doch noch mehr Demographie. Denn Struths Fotos sind ihrerseits Dokumente der Longue Durée. Seit mehr als zwanzig Jahren besucht und begleitet er die Sippschaften, lernt neue kennen, um sie wiederum einzubringen in die nach oben offene Skala seiner Vertrautheiten. Alles ändert sich, doch die Kunst und ihr Betrieb bieten der Zeit die Stirn. Eine große Familie. Ars longa, vita brevis.
Thomas Struth
06.09 - 04.10.2008

Galerie Rüdiger Schöttle
80802 München, Amalienstraße 41
Tel: +49 89 33 36 86, Fax: +49 89 34 22 96
Email: info@galerie-schoettle.de
https://www.galerie-schoettle.de/
Öffnungszeiten: Di-Fr 11-18, Sa 12-16 h
Sommeröffnungszeiten: Do, Fr 14-18 h


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