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Zwei, drei Dinge anlässlich der Art Basel

Wahrscheinlich musste es in Basel sein, dass man mit dem letzten Tabu, das der Kunstbetrieb zwischen unaufgeräumten Jugendzimmern und Pornos aus dem Internet immer noch beherzigt, bricht: Nazi-Material, so peinlich, langweilig und nichtssagend es ist, hat sich bislang der Kapitalisierung entzogen, und wahrscheinlich liegt es auch allein an der Nichtssagendheit. Wären die Hinterlassenschaften von Hitler und seinen Schamhaarmalern auch nur ein wenig verwegen, sie hätten längst Käufer. Bei White Cube aus London sind jetzt sechs Beispiele aus einem Zyklus zu sehen, in dem Dinos und Jake Chapman Hand an Aquarelle gelegt haben, in denen sich der größte Führer aller Zeiten einst als Kunstmaler versuchte. Das Ergebnis ist wie der Ausgangspunkt: Peinlich, langweilig etc. Aber zu mehr als einem Zimmer in der Meldemannstraße wird es für das Brüderpaar wohl reichen. Der Peter Noever von Basel heisst Martin Janda. Einen knappen Schritt hinter dem obrigkeitlichen Ohr geleitete er die Frau Minister Schmied durchs Gelände. Es gab noch einen bunten Abend für die österreichischen Vertreter, und Teile der soeben ins Leben gerufenen dreiköpfigen Galerienkommission – sie hören auf die Namen Breitwieser, Wipplinger sowie Thun-Hohenstein – wurden ebenfalls gesichtet. Ob Janda jetzt die passenden Bilder zu Noevers passenden Möbeln füs ministerielle Büro bereithält? Aus allen Ritzen der Art Basel quillen die Chinesen. Dass es ihnen gehen wird wie den Russen vor fünfzehn Jahren, liegt auf der Hand, und das Vergessen wartet schon am nächsten Auktionstag. Die Namen sind ja noch komplizierter als damals. Und die Arbeiten sind größer. Individualität gegen das Kollektiv zu behaupten, ist bei 1,3 Milliarden auch schwieriger als bei 200 Millionen. Die Qualität indes ist die gleiche. Es gibt übrigens wieder Passstücke. Franz Wests Genie-und-Wahnsinn-Streiche aus den späteren Siebzigern, einst, so weiß die Legende, für 100 Schilling verbettelt, waren Mangelware geworden. Doch lässt die Nachfrage auch das Angebot sprießen, und wenn nur Geld genug da ist, sind auch wieder Arbeiten da. Wo sonst als in Basel, etwa in den Kojen der Galerien Grässlin und Rosen, wären sie zu sehen. „I like it, but I don’t love it“, haben sich die Amerikaner diesmal offenbar ein wenig spröder gegeben. Auch nicht schlecht „It’s in between of what I like and what I dislike“. Doch der Besucher des Jahres ist ohnedies jemand ganz anderes. Zwei Stunden bevor er andernorts gebraucht wurde, durchmaß Johann Skocek das Areal, der Fussball-Berichterstatter des „Standard“, bemüht, sich eine Schneise zu schlagen durch den Wildwuchs dessen, was es alles gibt. Der Mann hatte eigentlich wirklich was anderes zu tun. Doch er war da, interessiert, engagiert und fasziniert von dieser seltsamen Exotik. So sehen sie aus, die Leute, an denen es liegt, ob die Kunst etwas anderes bleiben wird als Kommerz.

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