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Welcher Typ Mensch ist eigentlich der Österreicher?

Es ist tröstlich zu wissen, dass es, wenn man auf der Erde Chinesisch redet und das Italienische oder das Französische längst ausgestorben sind, die deutsche Sprache noch geben wird. Man braucht sie weiterhin als einschlägigen Jargon für die diversen Sado-Maso-Praktikanten, und die Deutschen sprechen nun einmal im Nazi-Idiom. Bevorzugt englische Parlamentarier oder neuerdings Motorsport-Funktionäre werden es eine Lust finden. Kann sein, dass sich in obigem Absatz einige Vorurteile befinden. Vorurteile bezüglich nationaler Charaktere. Als durchschnittlicher Österreicher mag man dergleichen gern lesen momentan, denn womöglich hat sich auch, was das friedliche Volk am Donaustrande angeht, das eine oder andere Präjudiz eingeschlichen. „Dass sich ausländische Medien auf den Fall stürzen und die auf der Hand liegenden Parallelen zum Martyrium der Natascha Kampusch aufgreifen, ist logisch“, lautete gleich die erste Überlegung im Kommentar des „Standard“, als die Amstettener Sache publik geworden war. Anders als sich in bösestem Willen auf den „Fall“ zu „stürzen“, kann man sich das „Ausland“ auch nicht vorstellen. Wenn man den speziellen Kompetenzbereich der Kultur darin sieht, dass Fremdbilder daraufhin betrachtet werden, wie sie sich als Selbstbilder eignen, dann ist Österreichs Eigen-Einschätzung als Kulturnation in ziemliche Schräglage geraten. Der Blick von aussen droht grimmig zu werden, und so hat man auch gleich die Perspektive umgedreht. Nach Belgien ist entsprechend gedeutet worden, wo es einen gewissen Dutroux gab. Und bei dem wurde anders als bei Herrn F. gemordet, es wurde kaltblütig um die Ecke gebracht. Na also, himmelweiter Unterschied. Bei den Österreichern geht halt nichts verloren, das hat ihnen Freud schon vor hundert Jahren attestiert, keine Entführten und nicht einmal die Saliera. Meister Sigmund wird ohnedies unermüdlich beim Wort genommen, jetzt, wo es darum geht, den analen Charakter abzuarbeiten. Wer wird in Wien noch „geh scheißen“ sagen die nächste Zeit? Vor zwölf Jahren gab es im MAK eine seltsame Schau mit dem seltsamen Titel „Austria im Rosennetz“ zu sehen. Harald Szeemann stellte darin all die Skurrilitäten, Verschrobenheiten und Basteleien vor, zu denen sich ein Gemeinwesen aufwarf, das zu Rebellion und organisiertem Widerstand niemals in der Lage war. Dissidenz gerinnt dadurch, so Szeemanns These, zu Absonderlichkeit. Ob das eine Spezialität von Österreich sei, wurde er damals gefragt. Ein zweites Land, meinte Szeemann daraufhin, würde sich auch für so eine Ausstellung eignen. Er nannte es Belgien.

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