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68

Im Allgemeinen versuche ich, wenn ich zum Beispiel zu einer Eröffnungsrede geladen werde, nach bestem Wissen und Gewissen den Wünschen des Auftraggebers zu willfahren. So war es im Prinzip auch voriges Jahr an einem Kunstverein in einer kleineren und für sein, sagen wir, klassenkämpferisches Milieu bekannten deutschen Universitätsstadt. Der Leiter des Hauses war einst Bürgermeister der Stadt, ich hielt meine Rede und anschließend ging man essen. Da muss ich mich daneben benommen haben. Es war beim Tischgespräch um eine Aktion von Studenten gegangen, die zum Protest gegen die Unigebühren die Autobahn blockiert hatten. Der Kunstvereinschef fand das in guter Tradition der 68er Revolte großartig, ich demgegenüber war der Ansicht, dass dann auch die Zeugen Jehovas den Verkehr anhalten dürften, wenn sie nunmehr Kirchensteuer für sich reklamierten, oder die geschiedenen Väter, wenn es um das Recht ginge, ihre Kinder zu sehen. Nötigung bliebe Nötigung, und ausserdem, sagte ich, wolle sich mein Gegenüber nur in alter Rechthaberei herausnehmen zu entscheiden, wer derlei dürfe und wer nicht. Das kenne man ja von seinesgleichen Altlinken. Es kam zum Schlimmsten, was der Kunstbetrieb zu bieten hat: Ich musste mein Abendessen selber zahlen. Glückliches Österreich: Hier gibt es derlei Establishment nicht. Hier ist 68 gottgewollt damit vorübergegangen, dass einer auf die Hörsaal-Budel geschissen hat. Doch weil es ja bekanntermaßen kein richtiges Leben im falschen gibt, bleibt auch dem kleinen Gebirgsterritorium die Zeche nicht erspart. Und die fließt, wir wissen es, dem Turbokapitalismus in die Tasche. Wenn die Normen zersetzt sind, die Autoritäten gestürzt und die Konvention hinterfragt, bleibt der pure Wettbewerb, die schiere Ökonomie, das Recht des Stärkeren, und das ist der Reichere. Natürlich haben die 68er das nicht gewollt. Doch, Dialektik der Aufklärung, sie haben es in die Wege geleitet. Und von Max Horkheimers Leitspruch, wer vom Kapitalismus reden will, darf vom Faschismus nicht schweigen, ist es nicht weit zur Erkenntnis, wie sie jetzt, zum 40. Jubiläum des Aufruhrs, gilt: Wer vom Kapitalismus reden will, soll endlich von den 68ern reden. "Unser Kampf" heisst die Philippika, die in dieser Woche auf den Buchmarkt gekommen ist. Götz Aly hat darin sein Mütchen gekühlt an der Bewegung, der er selbst einst zuarbeitete. Unser Kampf statt Mein Kampf, und natürlich ist das untergriffig genug. In einem aber sind die 68er den 33ern, denen sie in allem Narzissmus vorrechneten, dass es sie gab und ihnen damit das wohlige Gefühl zerstörten, tatsächlich gleich. Sie wollen nicht einsehen, dass sie etwas angerichtet haben. Und was sie angerichtet haben. Heute müssen wir zahlen.

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