Werbung
,

Viel Nichts um Rauch

"Man braucht noch kein entschlossener Misanthrop sein, um den Verdacht nicht ganz ungerechtfertigt zu finden, daß die Mehrzahl der Menschen im stillen die Freiheit von Scham und Anstand meint, wenn sie nach Freiheit schreit." Thomas Mann hat das geschrieben, und man braucht noch kein profunder Kenner der Wiener Seele sein, um diese Sätze nicht ganz ungerechtfertigt zu finden. Doch jetzt, da das Land von einer tsunamiartigen Welle an Menschenrechtsverletzung heimgesucht worden ist, gellt der Schrei nach Freiheit durch die Berge und über die Strome. Das Rauchverbot an öffentlichen Orten hat die österreichische Nation mit politischem Bewusstsein aufgeladen wie nicht mehr seit 1968, nein, seit 1938, nein, seit 1848, auch nicht, eigentlich wie nie zuvor seit dem Privilegium Maius, und auch das war bekanntlich eine Fälschung. Ich gebe zu, dass ich seit gut fünf Jahren der Zigarette entsage, und die Methode, nach der ich aufgehört habe, war die schlichte. Ich habe aufgehört. Seither führe ich mich entsprechend auf wie der Diktator von Singapur, der ja auch einst Kettenraucher war und jedem 500 Dollar abknöpft, der nur eine Kippe in der Hand hält. Die schärfsten Kritiker der Molche waren einmal selber solche, oder so ähnlich. In meiner unverfrorenen Voreingenommenheit war ich zum Jahreswechsel 2004/2005 in Florenz zur Stelle, um die Italiener zu beobachten, wie sie auf die Asketenwiese getrieben wurden. Schafe, die sie offenbar sind, haben sie die Tortur des Proibito Fumare mit gehörigem Gleichmut über sich ergehen lassen. Seit einiger Zeit bin ich hauptsächlich in Deutschland, und da wurde die Nation in den letzten Monaten Bundesland für Bundesland zu verschiedenen Terminen mit dem Rauchverbot überzogen - wer wollte, konnte sich eine Art Selbstkasteiungstourismus gönnen. Seither ist es in Deutschland ungefähr so wie früher auf WG-Parties, bei denen es immer einen Mitbewohner-Streber gab, der die Raucher auf den Balkon verfügte, in die kalte Luft über der Stadt, wo sich dann schließlich alles bis auf den Streber in drangvoller Enge und zwischenmenschlicher Anteilnahme versammelte. Jetzt also, mit ungeahnter Vehemenz, felix Austria. Interessant ist es schon, wie das Reich der Tabakregie die republikanischen Tugenden bemüht. Einem Volk zieht der Geschmack von Freiheit und Abenteuer in die Nase. Toujours Liberté. Und wenigstens die Nicht-Raunzer-Zonen werden unverzüglich abgeschafft.

Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2022 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: