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Georg Herold: Pico

Die Schubladen mit den Sinnartikeln sind prall gefüllt. Sieht man zum Beispiel die Gebilde aus Dachlatten, wie Georg Herold sie zusammengezimmert hat und gerade bei Gabi Senn ausstellt, dann kann man die Humor-Lade öffnen und das Passende zu Witz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung herausnehmen. Man kann die Bricolage-Lade aufmachen und im Informel kramen und feststellen, wie noch aus jeder Formlosigkeit zumindest ein Gesicht auftaucht. Man kann die Gestalt-Lade aufziehen und bemerken, wie es einem gelingt, aus unförmigen Silhouetten und in irgendwelchen Winkeln aufeinanderstoßenden Hölzern einen Kopf zu machen und damit eine Existenz. Man kann auch ganz hinten unten eine Schublade aufmachen. Es ist die Renaissance-Lade, denn dem Künstler hat es gefallen, den einen Teil der Exponate, den er nicht "Kopf" nennt, mit dem Untertitel "Pico" zu versehen. Denkt man also an Pico della Mirandola, den Kopf des Florentiner Humanistenkreises um den prächtigen Lorenzo, Pico, der Sloterdijk vor einigen Jahren den skandalträchtigen Begriff von der Menschenformung einflüsterte, Pico, vor dem Herold nun dasteht wie einstmals Malewitsch, als der sich vor dem sozialistischen Realismus in ein Selbstporträt als Uomo Universale flüchtete. So kann man also jene typische Renaissance-Vorstellung aufrufen, nach der der Mensch und die übrige Materie aus einem einzigen Prinzip gedacht werden, in die ein überirdisches Walten eine Formlogik hineingebracht hat. Michelangelos Sonett, das den Stein beschreibt, von dem nur das Überflüssige wegzunehmen wäre, um zur Schönheit zu gelangen, gibt dieser Vorstellung perfekten Ausdruck. Und vielleicht hat Herold ja genau das vor Augen gehabt, als er das Konterfei aus der Konstruktion schlug und das Antlitz aus dem Allerweltsmaterial. Nikolaus von Kues, auch so ein Renaissancemensch, hat dem abendländischen Wahrnehmen zudem die wunderbare Idee mitgegeben, dass die Bildnisse, wie sie so an der Wand hängen, den Vorbeigehenden mit ihrem Blick verfolgen. Vielleicht machen das Herolds Hölzer ja ebenso. Und womöglich zwinkern sie dabei mit dem Auge. Leider hat das alles mit dem Pico aus dem oberitalienischen Flecken Mirandola nichts zu tun. Pico ist der Boulevard in Los Angeles, wo die kruden Stücke entstanden sind. Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es immer noch nur ein Schritt.
Georg Herold
09.11 - 21.12.2007

Gabriele Senn Galerie
1040 Wien, Schleifmühlgasse 1 a
Tel: +43 1 585 25 80
Email: office@galeriesenn.at
http://www.galeriesenn.at
Öffnungszeiten: Di-Fr 11-17h, Sa 11-14h


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