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Sternchenstunde

Die documenta, die am Wochenende nach ihren obligatorischen hundert Tagen zu Ende gegangen ist, bescherte, so ließe sich meinen, der Kritik eine Sternstunde. Diese Kritik war ziemlich unisono, sie war sehr negativ, und endlich einmal gab es Deftiges statt Flauem zu lesen und Dezidiertes statt der Onkel-Attitüde des "Für jeden etwas". Nahezu jede der Rezensentenpersonen, die sich im Juni noch saisonbedingt mit einem eher müden Verriss hatten vernehmen lassen, legte in den Folgewochen nach und füllte die Sommerseiten mit heftigster Empörung. Es war in der Tat einhellig und eindeutig, und Roger Buergel sah sich veranlasst, angesichts der Einstimmigkeiten zu einer "Kritik der Kritik" anzuheben, die ausgerechnet im "Spiegel", der Mutter aller Onkel-Attitüden, publiziert wurde. Nun weiß man ja von der Richtigkeit der alten Journalistenweisheit, dass schlechte Nachrichten immer gute sind. Die documenta hat in diesem Sinn einen neuen Besucherrekord zu verzeichnen. Abgesehen davon, dass die Schau längst ein Selbstläufer ist und jedes Kaffeekränzchen aus Arolsen und die nordhessische Bäckerinnung sowieso vor Ort gewesen sein muss, um im täglichen Existenzkampf gegen die Nachbarschaft zu bestehen, wird es auch so etwas wie einen Katastrophentourismus gegeben haben. Man wollte schleunigst sehen, ob die Veranstaltung wirklich so abgrundtief war, wie sie geschrieben wurde. Es war schon verblüffend, wie die Kritik auspackte. Wie die Berichterstatterin von "monopol" ihre beflissen zur Schau gestellte Kinderstube verlor und sich plötzlich zum hochgetürmten Diktum von "Desaster" aufwarf. Oder wie der Belletrist der "Süddeutschen", der sich normalerweise entschuldigt, wenn er nicht lobt (so neulich, anlässlich von Slominski: "Und so dürfen wir vielleicht auch mal erbarmlos sein und sagen: Wir haben uns schon auf wesentlich amüsantere Art foppen lassen"), sich nun mit Vokabeln bewehrte, in denen es von "privatem Bildungskosmos einiger Privatgelehrter" und "Herrschaftswissen" nur so donnerte. Der übliche Opportunismus, so mochte es aussehen, war weggefegt im heiligen Zorn. Nein, er war nicht weggefegt. Was sich hier vielmehr meldete, war Opportunismus auf der Meta-Ebene. Wenn einer von Buergels Vorgängern sich über die dpa in der Prognose übte, es gäbe "nicht viel, was übrigbleiben wird", als wäre ausgerechnet bei seiner documenta viel übrig geblieben; oder wenn der Großsammler sich über die "Kunstzeitung" im Arsenal der Untergriffigkeiten bediente, als wäre ausgerechnet bei ihm zum Geld auch noch Grips vorhanden: Dann konnten die Schreiberlinge heftig darauf spekulieren, dass sie bei den Honoratioren ein joviales Schulterklopfen einfahren. Roger Buergel und seine Crew hatten den akademisch-institutionellen Komplex weitgehend aussortiert. Entsprechend wohlfeil konnte das Dementi von all denen angemeldet werden, die in diesem Komplex etwas werden wollen. Sie sahen ihre Sternchenstunde gekommen.

Ihre Meinung

2 Postings in diesem Forum
...der werfe den ersten Stein
Thomas Wulffen | 02.10.2007 11:41 | antworten
Und hier haben wir die Sternstunde von Rainer Metzger....
documenta12-Verrisse als MAHNMAL
Werner Hahn | 19.11.2007 08:28 | antworten
Im Internet finden sich unter http://blog.hna.de heftige Verrisse der BUERGELiade (ebenda z. Zt. über 94 "Verrisse" in Auszügen; BLOG anklicken und nur das Wort "Verrisse" in die SUCHEN-Maske eingeben oder auch „documenta“ oder „Kultur“ und Werner Hahn): Die Titel der Verrisse-Dokumentation ("Mahnmal" zwecks erforderlicher Documenta-Reform im Hinblick auf die documenta 13 - Juni 2012) lauten: 1. "DOCUMENTA-DEMOKRATISIERUNG tut not: documenta12-Verrisse" 2. "Documenta am Ende: Verrisse zur gescheiterten documenta 12 – Teil 2. Schönfärberei und Kritikerschelte („Lynchmob“, „Rülpswettbewerb“) durch den BUERGELiade-Chef" Siehe auch www.art-and-science.de: ebenda mehr zur DOCUMENTA-DEMOKRATISIERUNG!

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