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Luftpost

Lange nichts mehr gehört voneinander. Doch ich war unterwegs. Und da Reisen bildet, soll die Leserschaft von dem Wissenzuwachs auch profitieren, der sich in den letzten drei Wochen ergeben hat. Erzähle ich also, dass ich in Berlin war, in einer Ausstellung, in einer Blockbusterveranstaltung. "Die schönsten Franzosen kommen aus New York" hat sich die Werbeagentur als Slogan dafür ausgedacht. "Jede Oma rennt ins MoMA" habe ich ja noch versäumt. "Jeder Retro rennt ins Metro" musste jetzt aber schon sein. Also hinein in die Neue Nationalgalerie, wo das Metropolitan Museum Teile seiner Bestände von französischem 19. Jahrhundert zur Schau stellt. Die Neue Nationalgalerie ist der Glaspalast, dessen Plan Mies van der Rohe einst für Bacardi in Havanna ersann. Dann kam ihm Fidel Castro dazwischen, und in karibischer Nonchalance machte der Meister aus dem Verwaltungsgebäude ein Museum. Nun ist es eine Transithalle geworden. Dass es irgendwie mit dem Wahren, Guten und Schönen zu tun hat, erkennt man noch daran, dass die wunderbare, das gesamte Areal umfassende und zeitlos auf ihrem Plateau schwebende Lobby allein für die Garderobe zuständig ist und man zum Bilderschauen in den Keller geschickt wird. Hier herrschen Fünfziger-Mief, die obligatorische Enge und die Observanz des Kunst-braucht-Schweiss-und-Tränen. Den Leuten scheint es zu gefallen. "Schon 330.000 Besucher" klebte als Plakat auf den Plakaten, und bekanntlich ist nichts ansteckender als der Erfolg. Es gibt ja neuerdings eine Art Geduldstourismus, und in aller Abenteuerromantik werden der Stau, der Fluglotsenstreik oder das Geschiebe vor Kassenhäuschen, Einlass und Bilderwand zum Eigentlichen einer Reise. Was macht ein Ausstellungsbesucher, wenn er in der Wüste eine Schlange sieht? Er stellt sich an. Fünf Manets gibt es übrigens zu sehen. Die sind sehr schön. Ansonsten hat es dem Ausstellungsdesign gefallen, Poster, Broschüren und Bücher mit einer Art Rahmung auszustatten, bei der sich weiße, rote und blaue Markierungen abwechseln. Das mag an die Tricolore gemahnen. Mehr noch erinnert es an die Gestaltung der seligen Luftpostbriefe. Was die enthielten, war vor allem eins: leicht. Etwa hundertfünfzig Meter neben der Nationalgalerie hat Berlin die Gemäldegalerie beheimatet. Die gehört mit ihren Beständen von Italierern und Deutschen der Zeit um 1500, mit ihren Rembrandts und ihren alten Niederländern zu dem, sagen wir, Dutzend der bedeutendsten Pinakotheken der Welt. In dieser Gemäldegalerie ist himmelschreiend kein Mensch. Dass sie weniger voll ist als die Franzosenschau mag ja verständlich sein, aber sie ist auch nicht ein Zehntel so frequentiert wie der Prado, das Kunsthistorische Museum oder die Londoner National Gallery. Kein Schwein rennt hinein. Auf Reisen lernt man sie kennen, die letzten Rätsel der Menschheit.

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Luftpost
Max Bühlmann | 14.08.2007 12:53 | antworten
Was kann dazu noch sagen, ein genialer Blitz aus dem Reich der Luftpost. Sie sprechen aus meiner und für meine Seele.

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