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Die Entdeckung der Kindheit - Das englische Kinderporträt und seine europäische Nachfolge: Back to the Rousseaus

Eine der grauslichsten Gestalten der an solchen Exemplaren nun wirklich nicht armen Moderne lebte gleich an deren Anfang. Jean-Jacques Rousseaus ganzes Denken ist ein Philanthropismus aus schlechtem Gewissen. Seine Mutter ist bei seiner Geburt gestorben. Zum Ausgleich gab er seine fünf Kinder ins Waisenhaus. Von da aus ließ es sich gut schwadronieren über die abgestorbene natürliche Güte des Menschen. Rousseaus wirre Anti-Aufklärung war im späteren 18. Jahrhundert ein veritabler Zeigeist-Spleen geworden, und nicht nur seine eigenen Kinder hatten das auszubaden. Wie das aussieht, zeigt eine Ausstellung im Frankfurter Städel. "Die Entdeckung der Kindheit. Das englische Kinderporträt und seine europäische Nachfolge" führt an knapp 30 Beispielen vor, wie man die Kleinen ins Gebüsch pflanzte, weil sie da so natürlich, sie neben eine Gießkanne platzierte, weil sie da so organisch, und wie sie sich im Laufschritt ertüchtigen, weil sie da so beweglich wirken. Die Kinder seien ja ganz Natur, meinte Rousseau, noch nicht verdorben von der Gesellschaft und Knetmasse für die bessere Welt eines Back-to-the roots. Dass den Lords und Ladies, Masters und Mistresses, wie sie in wunderbaren Bildnissen von Thomas Gainsborough oder George Romney, von Thomas Lawrence oder auch Moritz Michael Daffinger Revue passieren, das Natürliche von vornherein versagt ist, weil sie die feistesten Repräsentanten von Gesellschaft, und zwar von uralter und bis in die Haarspitzen hierarchischer, sind, gehört zu den Erfolgsgeheimnissen des Rouseau`schen Denkens und zu den deutlichsten seiner vielen Verlogenheiten. Das tut indes der Qualität der Porträts nicht den geringsten Abbruch. Im Gegenteil: Da wird noch einmal Haupt- und Staatsaktion betrieben, um das Ancien Régime schon bei den Neugeborenen zu feiern. Das großartigste Stück stammt von Joshua Reynolds. Die kleine Miss Crewe, die er um 1775 auf der Leinwand verewigte, war noch während der Sitzungen gestorben, und genau das sieht man dem Bild in seiner grandiosen Fähigkeit, das Kinderlächeln einzufrieren, an. Von Goethes fünf Kindern überlebte eins, von Mozarts sechs waren es zwei. Das war die Wahrheit zur Entdeckung der Kindheit um 1800. Man kannte sie schon vorher.
Die Entdeckung der Kindheit - Das englische Kinderporträt und seine europäische Nachfolge
20.04 - 15.07.2007

Städelmuseum Frankfurt
60596 Frankfurt / Main, Dürerstr. 2
Tel: +49-69-605 098-0, Fax: +49-69-610 163
Email: info@staedelmuseum.de
http://www.staedelmuseum.de
Öffnungszeiten: Di, Fr - So 10 - 17 h, Mi - Do 10 - 21 h


Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Tabula rasa
Ingeborg Knaipp | 04.06.2007 07:51 | antworten
"Die Kinder seien ja ganz Natur, meinte Rousseau, noch nicht verdorben von der Gesellschaft und Knetmasse für die bessere Welt..." Ja, so ist es um den "Neuen Menschen" bestellt, Knetmasse, Plastilin, Silly Putty fürs Politbüro. Genau so hat es auch Pol Pot gesehen: "Nur das Neugeborene ist ohne Makel." Und da wir so plastisch und elastisch sind, ganz Geschichte und Gesellschaft, ganz Kultur und Konstruktion, wird eben immer weiter an uns konstruiert und dekonstruiert, während man uns einredet, daß Dekonstruktion uns von sogenannten "Zwängen" befreien wird. Wer, der guten Willens ist, könnte sich solch löblichen Absichten widersetzen?

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