Werbung
,

Vorbeugend und nachholend

Der Zorn ist ganz offenbar ein heiliger. "Wie gehabt", so entfährt es dem Furoren, "schmeißt Herr Mittringer alle Protagonisten des Wiener Aktionismus in einen Abfalleimer und entleert sie unsortiert als antiquierten Unflat". Günter Brus hält sich dergestalt im "Standard" an einem ebendort erschienen Artikel des Kollegen Markus Mittringer schadlos. Und wie er zetert. Wie gehabt sind es die Berichterstatter, die ihm nicht recht tun (ob es nun Fußballer sind oder Museumsdirektoren, man fühlt sich sowieso missverstanden in den Medien). Markus Lüpertz, von Beruf Rektor und hinzuverdienender Sonntagsmaler, hat sich jüngst ganz ähnlich beschwert: "Zubetonierte Engstirnigkeitswüste", nannte er das deutsche Feuilleton und "knopfäugige Kieselsteinintelligenz". Mit den Bildern, seien es nun sprachliche oder solche auf Leinwand, nahm Lüpertz es noch nie so genau. Da muss sich der Kritiker Mittringer durchaus nicht so unwohl fühlen wie sein Kritiker Brus es mit seiner Replik möchte. Doch fragen wir, ob der Ehedem-Aktionist nicht auch einen richtigen Punkt trifft mit seiner Tirade. Es ist, und da braucht sich unsereiner überhaupt nicht ausnehmen, tatsächlich so, dass man nach wie vor über einen Kamm schert, was sich damals unter dem Mantel eines Ismus versammelte. Die Pop-Artisten heißen heute Warhol, Lichtenstein, Oldenburg. Doch Brus-Mühl-Nitsch-Schwarzkogler, das sind die Aktionisten. Sie sind nicht Abfall, aber sie stecken tatsächlich alle miteinander in einem Eimer. Kathartisch wollten sie damals sein, reinigend und der allfälligen Aggressivität begegnen, indem sie sie vorwegnahmen. "Vorbeugende Gewalt" nennt das der Anthroploge René Girard, und er weiß auch, dass derlei in primitiven Gesellschaften eine wichtige, sozusagen sozialhygienische Funktion hat. In Demokratien dagegen gibt es die "nachholende Gewalt", verkörpert in den Institutionen, die sich ein entwickelter Staat geschaffen hat. Vielleicht war Österreich in den Sechzigern ein vordemokratisches Gemeinwesen. Vielleicht haben die Aktionisten damals etwas Richtiges, nun ja: gewittert. Aber heute? Vorbeugende Gewalt? Die Aktionisten sind kein Unflat. Aber antiquiert sind sie schon.

Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2022 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: