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Kritik und Kriterien

Vor einer Woche nahm die artmagazine-Glosse an dieser Stelle Anstoß an einem Text, den die "Presse" einer Schau des BA-CA Kunstforums angedeihen ließ. Nun kann man von einer mit Namen versehenen Meinung über eine mit Titel versehene Präsentation halten, was man will. Was aber eine nochmals eingehendere Betrachtung verdient, ist die Haltung, die hinter einer solchen Art von Kunstschreiberei, wie sie eine sich immerhin verdienstvoll dünkende österreichische Tageszeitung verbreitet, steht. Der "Presse"-Autorin hatte es nicht gefallen, dass die Frauenquote bei den in der Ausstellung vertretenen Subjekten weitaus geringer ausgefallen war als bei den vertretenen Objekten. Zur Bekräftigung wurde auf die "Guerilla Girls" verwiesen, die "2005" bei der Biennale von Venedig diesen Umstand als einen generellen angeprangert haben. Nun gibt es die Girls mit den Affenmasken seit Mitte der Achtziger, und ihr Anliegen ist noch einiges älter, doch das muss eine Rezensentenperson anscheinend nicht wissen. So, als wäre es der Sache der Frauen nach wie vor dienlich, wenn man einer Schau mit Steinzeit-Feminismus kommt. Doch ist das noch nicht das Problem. Es gab eine Zeit, da waren die Rezensenten so etwas Altmodisches wie gebildet. Dann kamen die Pop-Schreiber, die zwar den Unterschied zwischen Romanik und Romantik nicht kannten, aber immerhin den zwischen Hucknall und Tschuggnall. Einen Unterschied jedenfalls kannten sie, und Kritik meint von Beginn an nichts anderes, als eben Differenzen zu erkennen. Man erkennt sie aufgrund von Kriterien. Wenn man nun keine Kritierien hat, dann erschöpft sich Beurteilung in der Abzählerei des Vorhandenen. Eine Ausstellung wie jene des BA-CA Kunstforums zu bewerten, bedeutet dann, das Verhältnis von präsentierten Schwänzen zu präsentierten Mösen vorzubeten. Findet man das Verhältnis unzureichend, dann wird die Chose verworfen. Verworfen nicht mit den ästhetischen Mitteln von gut oder schlecht, sondern mit den moralischen von gut oder böse. Wer keine Kriterien hat, zielt immer aufs Ganze der Moral. Was auffällt, ist die Chuzpe, mit der hier die Ignoranz hausieren geht. Sie sei eine "voraussichtlich ewig Kunstgeschichte-Studentin", lässt die "Presse" über ihre Autorin verlauten, als wäre die Unfähigkeit, seine Gedanken zum Beispiel per Abschlussarbeit auf den Punkt zu bringen, ein Prädikat. In Zeiten unerbittlicher Ökonomisierung, die nichts auslässt mit ihrer Gleichmacherei, gilt Gebildetheit als elitär und damit undemokratisch. Kritisieren kann man, wenn man Kriterien hat. Was demgegenüber in der "Presse" passiert, ist die Vorführung dessen, dass nicht nichts geschrieben ist.

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