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Jahresrückblick, einmal mehr

Motto: "Man kommt immer noch früh genug zu spät" (Helmuth Plessner) Ausstellungsinstitut des Jahres: Thomas Trummer ist in Amerika, Tobias Natter in Vorarlberg und Gerbert Frodl im Ruhestand. Bevor wir mutmaßlich nicht mehr dazu kommen werden, sei hiermit das Belvedere samt Ableger im Augarten, also die Österreichische Galerie zum Institut des Jahres erklärt. Gerade haben sie mit der wunderbaren Porträt-Versammlung "aufgeklärt bürgerlich" auch noch gezeigt, was sie einmal konnten. Mittelmaß des Jahres: Man könnte auch sagen: Popanz des Jahres, und da müssen wir über die Grenze schauen. "Das Achte Feld" im Kölner Museum Ludwig, die Geschichten von tausend und einem Schwanz, die gezeigt haben, dass es nicht nur süßen, sondern auch sauren Kitsch gibt, der sich bevorzugt in den Gefilden von Gender-, Crossover-, Queer-, Gay- und was auch immer Zeig-Deinen-Unterleib-Ästhetik verbreitet. Aufsteiger des Jahres: Ein Einsteiger diesmal, eine Rückkehrerin. Ilse Haider, die immer schon gute Kunst machte und die jetzt in der neuen Galerie Steinek in der Eschenbachgasse zeigt, dass eine Baby-Pause nicht nur nicht schaden muss, sondern auch, vielleicht weil man nicht mehr so viel Zeit hat, helfen kann, die Dinge noch präziser zu fassen. Künstler des Jahres: Lois Renner. Mit seinen neuen "Hybriden", bei Mario Mauroner vorgestellt, schafft er nicht nur so genannte, sondern wirklich existierende genuine Mischformen aus Gemälde und Lichtbild, die dadurch entstehen, dass das in bewährter Weise Fotografierte abgemalt wird, beide Versionen in den Computer versetzt werden und dort dann miteinander verschmelzen. Das sieht so evident aus, dass man sich, und das ist das Standard-Kriterium von Qualität, fragt, wieso nicht alle und nicht alle viel früher draufgekommen sind. Ausstellung des Jahres in einem öffentlichen Forum: Die Venezianer-Versammmlung Bellini - Giorgione - Tizian im Kunsthistorischen Museum, die beweist, wozu es ein Haus von Weltformat bringen kann, wenn es um Leihgaben geht, und wozu es eine Ausstellung von Weltformat bringen kann, wenn man die Preziosen auch noch intelligent und sensibel platziert. Ausstellung des Jahres in einer Galerie: Heinrich Dunsts strenge, orthodoxe, in bester "Art After Modernism" - Manier zusammengestellte Gruppenschau in der Galerie nächst St. Stephan. Eine Frischzellenkur für das Conceptual. Plötzlich entfaltet die für die nationale Repräsentation längst schon gemordete Wiener Gruppe wieder Aufregung und sehen sich die Ältestmeister wie Marcel Brodthaers oder John Baldessari frisch wie im Jahr 68. Flop des Jahres: Die Beleidigtheiten, Peinlichkeiten, Dreistigkeiten rund um den neuen Vorstand der Secession. In Demokratien, so hat Luhmann einst gesagt, ist es die Classe politica gewöhnt, die Macht zu verlieren, in autoritären Regimen lässt sie das nicht zu. Gut, dass ein Secessionsvorstand keine politische Macht hat. Kurator des Jahres: Täglich stand der Kurator in seiner Ausstellung und hat geführt, erklärt, gezeigt. Eine Viertelmillion Besucher hat seine Ausstellung gehabt und durch die Bank die positivste Beurteilung eines doch sehr prekären Arrangements. Herbert Lachmayer war sich mit seiner "Mozart"-Schau für keine Gymnastik zu schade, und er hat den perfekten Spreizschritt hinbekommen. Damit ist aufs Deutlichste demonstriert, dass Kuratorenschaft etwas anderes meint, als wichtig durch die Szene zu stolzieren.

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