Werbung
,

Die Tschad-Variante

Wer sagt eigentlich, dass Gusenbauer, Strache und Haider nicht noch mehr gemeinsam haben als den Haarschnitt? Wie wär es also, wenn die drei, bevor Schüssel wieder zuschlägt und die Welt zu Sanktionen greifen muss, an einer Koalition basteln würden? Orange, Rot, Blau liegen womöglich nicht nur auf dem Farbkreis näher beieinander als man bisher dachte. Die von vielen erwartete und nicht zuletzt im Kunstbetrieb mit gewisser Sympathie bedachte Kombination von Schwarz und Grün ist ja nun nicht möglich, und wenn es überhaupt ein Resultat gegeben hat bei der letztwöchigen Wahl dann war es die Absage an genau diese Möglichkeit. Das Experiment und die Veränderung, die das bedeutet hätte, sind nicht goutiert worden. Es haben sich geradewegs diejenigen als stärker erwiesen, die ihrer Klientel ihre wie üppig oder schmal auch immer geratenen Pfründe garantieren. Wenn die einen in Kärnten keine Slowenen als Nachbarn haben wollen, die anderen im Gemeindebau keine Türken und die dritten an der Kassa beim Hofer sowieso keine Ausländer, dann kann man das ja als politisches Projekt verbuchen: Die kleine Koalition für die kleinen Glücke. Am 10. April 1938 gab es in Wien so etwas wie eine Volksabstimmung über den Anschluss an Deutschland. 99,6 Prozent waren dafür, auf 249 Ja-Stimmen entfiel ein Nein. Doch gab es gewisse Unterschiede in den Bezirken. Im ersten zum Beispiel war das Verhältnis von Ja zu Nein 135 zu eins, im achtzehnten 194 zu eins. In Favoriten und Simmering dagegen, in denen der Arbeiteranteil mit mehr als siebzig Prozent der Bevölkerung am höchsten war, lautete das Verhältnis 497 zu eins bzw., als mit Abstand deutlichster Wert, 768 zu eins. Nicht, dass es irgendwo an Zustimmung gemangelt hätte. Aber noch im Promille-Bereich lässt sich dingfest machen, wie nahtlos der Übergang von den Sozis zu den Nazi-Sozis einst war. Doch zurück ins Heute. Orange, Rot, Blau könnten nun endlich auch kulturpolitisch eingreifen. Westenthaler wird, nachdem er auf dem Gebiet schon ein alter Hase ist, Kommissar für Gegenwartskunst, Stadler stärkt den Dialog mit bisher marginalisierten Gruppen und Gusenbauer selbst macht den Zusammenschluss der Bundesmuseen zur Kunsthalle Wien zur Chefsache. Nur so auch kann Elisabeth Gehrer, Rückzug hin oder her, definitiv verhindert werden. Rot, Orange, Blau. Nach Auskunft des Flaggenplans im Großen Illustrierten Weltatlas für Kinder entspricht dies den Nationalfarben des Tschad. Na also, die Tschad-Variante für Österreich. Und Wien liegt in der Sahelzone.

Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2022 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: