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Paul Kruntorad 1935 - 2006

Österreich ist bekanntlich ein Musikland. Dem Gefiedel und Gedudel ist es hingegeben, und auch in den Redaktionen der hiesigen Tages- und Wochenorgane gibt es neben dem Ressortleiter immer noch mindestens einen zweiten Festangestellten, der sich um Platten und Konzerte und Einbürgerungen von Sängerinnen kümmert. Alles andere firmiert als alles andere und bildet gewissermaßen die zweite künstlerische Gattung neben der Musik.

Paul Kruntorad war die Galionsfigur für dieses alles andere in der österreichischen Publizistik. Kruntorad schrieb über bildende Kunst, über Literatur, über das Theater und das Kino, und weil man in seiner Generation noch zwischen Theorie und Praxis unterschied und nicht Diskursformationen ausdifferenzierte, arbeitete er auch auf der dem Rezensionenwesen gegenüberliegenden Seite und drehte Filme, inszenierte Ausstellungen oder schrieb einen Roman. Kruntorad war, was man einen Impresario nennt, die Überall-Präsenz des Organisators, Kritikers, ästhetisch Einfluss Beanspruchenden in Personalunion. Und stupend war seine Kompetenz über die Stile hinweg. Kruntorad war ein Gesamtkunstwerker, wie vis-à-vis in der Schweiz sein Altersgenosse Harald Szeemann; beide hätten es sich verbeten, wenn da einer Produktion und Rezeption in ihrem Oeuvre auseinander dividiert hätte.

Paul Kruntorad verkörperte das alte, das avantgardistische Österreich. Es waren die Dinge, die innerhalb des Landes passierten, deren er sich annahm, die diversen Wiener Schulen etwa, kleideten sie sich nun in die Begriffe phantastischer Realismus oder Wiener Gruppe. "A.E.I.O.U." hatte Kruntorad eine Ausstellung und ein Buch betitelt, die er 1985 auf den Weg brachte. Der Anspruch auf Weltgeltung, den das kleine kulturelle Territorium so selbstverständlich erhob, hatte speziell in Kruntorad einen überzeugt-überzeugenden Vertreter.

Paul Kruntorad hatte stets etwas Grandseigneurales, und nicht zuletzt darin lag die Stärke seiner Plädoyers für die Wirkkraft Wiens. Er ließ es sich nicht nehmen, seine Korrespondenz über das Graben-Hotel, um dessen Ecke er wohnte, abzuwickeln. Und er überbrachte, damals, als wir beide für den "Standard" arbeiteten, seine Texte stets per Boten. Auch das kleine Einmaleins der Tageszeitungs-Schreiberei hat seine Etikette. Es bedarf einer gewissen Ritualität, um seine Würde zu bewahren, eine Würde, die nicht der Aktualität, sondern der Zeitlosigkeit geschuldet ist, ohne die das Kulturelle vollendes im Beiwerk versänke.

Paul Kruntorad war ein exemplarischer Vertreter jener Zivilisation, wie es sie nur in Metropolen, und hier auch nur in Residenzstädten, und eigentlich sowieso nur in Paris und in Wien geben kann. Wie es sie nur hier geben konnte. Mit Paul Kruntorads Tod geht diese Zivilisation ihrem Ende einen weiteren Schritt entgegen.

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