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Soleil Noir - Depression und Gesellschaft: Familiarität und Fetische

Depression und Gesellschaft - Der Titel der Sommerausstellung im Salzburger Kunstverein, ist insofern ungewöhnlich, als dass durch ihn nicht nur das Interesse des Kunstpublikums geweckt wird, sondern auch all jener, die sich selbst angesprochen fühlen oder sich um eine ihnen nahestehende betroffene Person Sorgen machen. Beispiele dafür wären etwa ein Burn-out gefährdeter Mensch oder jemand, der angesichts heutiger Anspannungen und sozialer Entkoppelungen bei jeder seelischen Verstimmung zu Psychopharmaka greift. Obwohl Ausstellungs-kuratorin Hemma Schmutz das Buch des französischen Soziologen Alain Ehrenburg "Das erschöpfte Selbst" und Freuds Begriff des Verlustes als Impuls ihres Konzeptes angibt, widmen sich viele beteiligte KünstlerInnen weniger apokalyptisch als vielmehr empathisch dem Thema. Eine davon, Elke Krystufek, hat sich sogar selbst aus der Teilnehmerliste genommen und die Einladung zur Ausstellung an ihren Studenten Gert Löffler delegiert. Die Welt folgt heute neuen Regeln und setzt auf Veränderung, Flexibilität und schnelle Reaktion. Wie die Medikamente zu schimmernden "Aufheiterern" für den provisorischen Zusammenhalt der Gesellschaft werden, reflektiert die zumeist aus Arzneiverpackungen und fragmentarischen Stadtfotos aufgebaute Installation "Illusion City" des letztgenannten jungen Künstlers, die von sachlichen, schwarzweißen, auf einem Din-A4 Blatt dargestellten Diagrammen des amerikanischen Klassikers der Konzeptkunst Dan Graham als Memento Mori konterkariert wird. Doris Frohnapfel aus Düsseldorf dokumentiert dagegen in ihrer Serie "Border Horizons" fotografisch das Fehlen einer sozialen Bindung und die drohende Abgeschnittenheit, die an der Peripherie Europas in Bulgarien entstanden ist. Die mit Melancholie unterlaufene und durch bunte Bilder einer öffentlichen Festivität kaschierte Monotonie zeichnet das Video von Olga Czernysheva und den tonlosen s/w Film "0,7" von Simon Wachsmuth aus. Der heute 80-jährige Tscheche Michael Tichy ist ein Beispiel eines Künstlers, der trotz seiner sozialpolitischen Isolation ein umfangreiches und sehnsuchtsvolles Werk geschaffen hat. Dass das Depressive tatsächlich zur Apathie, zum Aussetzen des Handelns und Krankwerden sowie zum Selbstmord und Tod führen kann, möchte die Ausstellung trotz ihrer kühnen Diskursivität und der stellenweise auch ironischen Brüche nicht ausschließen. Dafür sorgen gerade die neu artikulierten Werke der traditionellen Malerei, die ihrerseits immer wieder als die Inkarnation des Todes fungiert. Während der polnische Künstler Pawel Ksiazek am Beispiel der amerikanischen Kultpoetin Sylvia Plath und ihrer evokativen Schreibweise vielfältige Formen einer Todessehnsucht auf persönliche Art analysiert und in Fetische verwandelt, versucht Antje Majewski auf starren Bildträgern aus Aluminium ägyptische Mumien etwas unscharf wie auf einem alten Foto malerisch zu bannen, dem modernen Trend zum Planen des ewigen Fortlebens nach dem Tod folgend. Die Ausstellung Soleil Noir weist unumgänglich daraufhin, dass innerhalb neoliberaler Konstellationen die Depression auf dem Weg ist, vom nunmehr sozialen zu einem kulturellen Paradigma der Gegenwart zu werden.
Soleil Noir - Depression und Gesellschaft
20.07 - 10.09.2006

Salzburger Kunstverein
5020 Salzburg, Hellbrunnerstrasse 3
Tel: +43 (0) 662/84 22 94-0, Fax: +43 (0) 662/84 07 62
Email: office@salzburger-kunstverein.at
http://www.salzburger-kunstverein.at
Öffnungszeiten: Di-So 12-19h


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