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Déformation professionelle

3.000 Bücher, so hat Jacob Burckhardt einst gesagt, kann der Mensch in seinem Leben lesen. Ich führe seit einige Zeit eine Liste meiner Lektüren, und sie besagt, dass Burckhardts Diktum hinkommen könnte. Im Durchschnitt fünf Bücher sind es jetzt pro Monat, macht 60 im Jahr, und sollte alles gut gehen, ergäbe das bei 50 Lesejahren genau die Zahl 3.000. Unter den Büchern, die ganz und nicht nur quergelesen wurden, waren tausend eng bedruckte Seiten "Zauberberg" und 120 großzügig die Lettern verteilende Seiten von Benjamins "Einbahnstraße". Es waren also dicke und dünne Bücher dabei, leichte und schwere, alte und neue und vor allem gute und schechte. Wenn man also weiß, dass es nicht mehr werden als 3.000: Warum verbringt man seine kostbaren Jahre dann nicht ausschließlich mit Heine, Baudelaire, mit Céline, Kafka und Thomas Mann (Heinrich nicht!), mit Benjamin, Foucault, Starobinski und Terry Eagleton und einer Reihe angelsächsischer Biographen von Carlyle bis Nicholas Boyle? Warum bleibt man nicht bei seinem Kanon und hat am Ende des einen Buches schon die Ahnung, wie das nächste ausfallen wird, nämlich hervorragend? Die Antwort ist nicht, weil man noch nicht weiß, dass etwas gut ist. Es ist deshalb nicht die Antwort, weil man zumindest meistens schon weiß, dass etwas schlecht ist. Und man liest es trotzdem. Jetzt bin ich wieder einmal auf einen dieser Feuilletonchefs hereingefallen, denen die bedruckten Seiten ihres Stammblattes nicht reichen für die ungeheure Großartigkeit ihres Denkens. Der Cheffeuilletonist des "Spiegel", ein gewisser Matthias Matussek, hat sich in den Kopf gesetzt, der Menschheit zu erklären, warum sie die Deutschen gern haben kann. Fehlt nur der Fußball auf dem Cover, auf dem stattdessen Schloss Neuschwanstein prangt. Matusseks Nationaltrash ist allenthalben verrissen worden, das Machwerk strotz nur so vor Eitelkeiten und Eingebildetheiten, und wenn die Deutschen alle wären wie dieser Schreiber, hätte die Welt den besten Grund, sie nicht zu mögen. Ich habe es trotzdem gelesen. Ich habe es gelesen, wie die beiden in jedem Sinn dünnen Bändchen von dessen "FAZ"-Kollegen Frank Schirrmacher. Und ich habe es angefangen wie die "Enzyklopädie der Alltagsqualen" von Hannes Stein, dem Literatur-Menschen der "Welt" (das tatsächlich in alle Ewigkeit nicht fertigzulesen sein wird, so unglaublich ärmlich ist es). Ich habe es also gelesen, obwohl mir etwas viel Besseres dadurch entgangen sein wird. Ich habe es gelesen, nicht weil viele es gelesen haben. Ich habe es gelesen, weil ich wusste, dass ich mich hiermit schadlos gehalten haben werde. Ich werde es verrissen haben. Schlechte Bücher zu schreiben ist eine Déformation professionelle. Schlechte Bücher zu lesen ist auch eine.

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