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Holbein auf der Art Basel

Eine der Konsequenzen des Älterwerdens liegt darin, dass man nicht mehr glaubt, die Welt würde besser, bestünde die Menschheit nur aus lauter solchen Exemplaren, wie man sie selbst darstellt. Früher dachte ich mir die Zukunft gerettet, wären nur alle, in dieser Chronologie, marxistisch eingestellt, akademisch sozialisiert und dem Kulturellen verpflichtet. Heute gehöre ich dem Kunstbetrieb an, und von Fortschritt keine Spur. Dies nur als Prolog. Der Hauptteil, der jetzt kommt, soll davon erzählen, dass sie parallel zur Art Basel eine wirklich wunderbare Ausstellung zu Hans Holbein dem Jüngeren im Kunstmuseum laufen haben. Das bringt mit sich, dass all die Insider und Meistbemittelten, wie sie die Messe professionell bevölkern, am Vormittag Zeit finden, sich den alten Renaissancisten, nun ja, reinzuziehen. Dass das mit einer gehörigen Flegelei einhergeht, muss nicht weiter verwundern, denn während der herkömmliche Besucher allein deshalb in seinem Benehmen etwas an sich hält, weil er vielleicht nicht alles auf Anhieb weiß und dies nicht zum Ausdruck bringen will, weiß der Messe-Mensch alles auf Anhieb und will dies auch zum Ausdruck bringen. Dabei täte er gut, der Art Basel-Aficionado, sich ein wenig unter die Dazulernenden zu mischen. Dieser Rat ist gut belegt, denn er ist Ergebnis einer Feldstudie, angestellt am letzten Freitag. Sie erbrachte folgendes: Die an ihrem Englisch, Französisch oder Hochdeutsch zu erkennenden Zugereisten widmeten sich ausschließlich den Gemälden Holbeins, sagenhaften Virtuosenstücken zwar, aber eben Teilen einer monografischen Schau, die Zeichnungen, Drucke, Gebrauchsgrafik, Vergleichsbilder ganz selbstverständlich mit umfasste. Diese Exponate jedoch, gedacht zum Aufbau eines Gesamtüberblickes, waren augenscheinlich nur denjenigen zugänglich, die in Basel waren, auch wenn sie nichts mit der Messe zu tun hatten. Den Einheimischen also. Die Art Basel-Fuzzis dagegen waren sich für die kleineren Stücke, das Beiwerk, die heranführenden Argumente offenbar zu gut. Gepolt aufs Spektakuläre hielten sie sich, knapp bei Zeit, wie sie sein mussten, einzig bei derjenigen Ware auf, die farbig und gut aufgeputzt daherkam. Dort bildeten sie dann die Traube, deren Zustandekommen sie mit der gehörigen Blasiertheit den Minderbemittelten in die Schuhe schoben. Albert C. Barnes, der schrullige Sammler, hatte ja ein Zugangsverbot in seine Collection für all diejenigen erlassen, die beruflich mit Kunst zu tun hatten. Verbildet, lautete sein Vor-Urteil, verbohrt. Erwin Panofsky, so geht die schöne Geschichte, konnte nur verkleidet als Chauffeur von Albert Einstein hinein. Natürlich war Barnes ein Patriarch, und der Ausstellungsbetrieb hat sich längst die Werke unter den Nagel gerissen, die Barnes hinterlassen hat. Vielleicht aber sollte man bisweilen sein Vermächtnis beherzigen.

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