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Meisterschaftswelt

Der geballte Volkszorn, der kürzlich Olaf Metzel entgegenbrandete, als er in Nürnberg Hand anlegte an das örtliche Heiligtum des Schönen Brunnens, dieser Volkszorn hat ja so Recht. Metzel wollte das Kleinod aus dem 14. Jahrhundert mit ordinären Sitzreihen aus dem Berliner Olympiastadion umzäunen und so für die Dauer der WM unsichtbar machen. Die Banalität dieser Idee ist himmelschreiend, aber banal sind sie ja alle, diese momentan nur so aus dem Boden schießenden Fußballkunstwerke. Die Verbindung von Kultur und Fußball ist allenfalls etwas für Andre Heller. Der seriöse Mensch sollte sich entweder an das eine oder an das andere halten. Meinetwegen auch nacheinander. Aber niemals gleichzeitig. Es gibt nichts blöderes als Wortspiele mit Fußballmetaphern. Der obige Abschnitt zum Beispiel hätte von fußgeballtem Volkszorn reden können oder von aus dem Rasen schießenden Fußballkunstwerken, und schon wäre er mittendrin gewesen im momentan brandaktuellen Jargon. Statt Anspielungen gibt es Anspiele, und mit der Prätention dessen, der so tun muss, als hätte er Wittgenstein gelesen, textet der Feuilleton-Mensch: "Die Welt ist alles, was der Ball ist". Diese tatsächlich sehr schöne Formulierung stammt übrigens von Martin Seel und wurde aus Anlass der WM 1986 im "Merkur" getan. Doch das braucht heutzutage keiner zu wissen und der Kultur-Schreiber schon überhaupt nicht. Räsonnieren über Fußball ist eine intellektuelle Mode geworden. Intellektualität und Mode aber, die Konjunktur der wechselnden Theorie-Einflüsterer im Kunstbetrieb zeigt es zur Genüge, passen nicht zusammen. Intellektualität ist eigensinnig, Mode ist massenbewusst. Wer Eigensinnigkeit auf Massentauglichkeit trimmen will, verrät beides. Eine Million Fußballtexte können sich dabei durchaus irren. Klaus Theweleit, der große Querdenker, hat auch ein Fußballbuch publiziert, und es hat ein sehr schönes Schlusskapitel, das mit Video-Bildern arbeitet. Anhand der Stills erklärt Theweleit einige Szenen der letzten WM und vor allem ihre in wenigen Sekunden komprimierte Vorgeschichte. So konnten die Brasilianer zum Beispiel in der eigenen Hälfte an den Ball kommen, weil David Beckham, der Hänfling, in offenbarer Angst vor einem Tackling einfach die Beine einzog und hochsprang: Was folgte, war das Siegtor gegen England. Oder die Brasilianer bekamen den Ball zum 1:0 im Endspiel gegen die Deutschen, weil Dietmar Hamann zweimal nicht abgeben konnte: Schiedsrichter Collina stand jeweils im Weg. Fußball, so lernt man aus Theweleits diesmal visueller Argumentation, ist eine phänomenale Sache, phänomenal im Wortsinn, etwas, was man sieht, hört, fühlt. Man kann schreien dabei. Aber nicht schreiben. Ich erkläre also hiermit diese Absage an einen Fußballtext für meinen einzigen Fußballtext in nächster Zeit.

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