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Der Kultur-Jargon

Vor noch nicht allzu langer Zeit stand über jenem redaktionellen Teil von "News", der sich irgendwie mit Büchern oder Bühnenstücken beschäftigte, die Bezeichnung "Szene". Das kultige Wort konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass man in Österreichs buntestem Blatt einem Kunstbegriff frönte, der jede Hofratswitwe zum Gähnen bringen würde. Nun steht "Kultur" über der sehr einschlägigen Berichterstattung, doch dass der auswendig gelernte Kanon durch etwas selbstständigerem Denken Erwachsenes ersetzt worden wäre, kann man nicht feststellen. Nach wie vor geht es gut abgehangen und gut national zur Sache, und in periodischer Wiederkehr dürfen sich Hermann Nitsch, Elfriede Jelinek oder Nikolaus Harnoncourt in Verkünderpose werfen und ihrer Verpflichtung auf das große Ganze der ganz Großen Ausdruck verleihen. Meist ist es der Ressortleiter selbst, der die Wortspenden ergriffen entgegennimmt, um hinzuzufügen, dass er es immer schon gewusst habe. Nun hat sich ein Franzmann erdreistet, die Personalunion schlechthin all der von "News" propagierten ästhetischen Werte, den Säulenheiligen überhaupt des Schwadronierens und Eingeweihttuns unter etwas anderem Blickwinkel zu betrachten. Peter Handke also musste mitansehen, wie die Comédie Francaise die Aufführung seines "Spiel vom Fragen" abgesagt hat. Des Meisters Mutmassungen über Serbien und seine Teilnahme am Milosevic-Begräbnis waren offenbar der Grund für die Absage. Das Politische hatte sich ins Ästhetische gemengt. Das bedurfte nun in einem Blatt, das wie "News" ausschließlich dem Wahren, Guten, Schönen verpflichtet ist, der schärfsten Zurückweisung. Das alles wäre nicht weiter der Rede wert, bediente sich Heinz Sichrovsky in seiner Handke-Verteidigung nicht eines Jargons, wie er typisch ist für den gespreizten Enthusiasmus an der Hochkultur, der über Leichen geht. "Verachten Sie Herrn Bozonnet" ist Sichrovskys Text überschrieben, und er meint den Leiter des renommierten Theaters. Dieser Tonfall, der Entrüstung mimt, aber Verachtung meint, zieht sich durch Sichrovskys gesamte Auslassungen, vom Anfangssatz, der Bozonnet nachsagt, dass er "in seinem Beruf das ununterbietbar Letzte verkörpert", bis zum Schluss, wo es um Kulturinstitute geht, die Bozonnet und Kollegen seines Schlages "durch ihre Existenz schänden". Sichrovskys Jargon kommt vom vielen Kniefallen. Ein Berufsleben lang hat er den Knechtungsakt vor dem Kanonischen eingeübt, und wer viel einstecken muss an Größe und Bedeutendheit, wird auch einmal austeilen. Jahr ein, Jahr aus wird beflissen der Übermensch besungen. Da darf einem dann eine Rede schon so geraten, als ginge es um den Untermenschen.

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