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Jörg Schlick 1951 - 2005

Propaganda

Das Ganze roch nach Unverschämtheit. Irgendwann am Nachmittag, drei Stunden vor der Vernissage, kam Jörg Schlick daher, augenscheinlich soeben dem Bett entstiegen, und tönte verwegen davon, dass er sich nun an sein Kunstwerk machen müsse. Er holte die vorbereiteten Glasscheiben und legte drei Streifen Klebeband darauf, so dass sich voll hieratischer Banalität die Figur eines durchgestrichenen Ypsilons ergab. Schlick wiederholte die Prozedur sechzehnfach und fertig war das Metamaterial zu Minimal. In München, wo Schlick damit vorstellig wurde, in dem München des Gerhard Merz und der behaglichen Arbeit an der Schönheit, war das schon ziemlich unverfroren. "4 : 1" war die Ausstellung betitelt, wie sie 1988 in der Villa Stuck stattgefunden hatte. Im Katalog wurde einem der Sinn dieser Überschrift auch sogleich erklärt, und zwar per Foto, das eine Anzeigetafel vorführte und darauf die Wörter "Österreich" und "Deutschland". Da hatten also die Kleinen gegen die Großen gewonnen, und Schlick und seinen Freunden war es genau der innere Reichsparteitag, das in Erinnerung zu rufen. In eben dem Katalog gibt es übrigens ein Inserat, geschaltet von einem Fussballteam aus Graz samt Mannschaftsfoto und dem unvergesslichen Satz: "SK RAIKA STURM grüßt die Künstler". So war das damals. In Jörg Schlick ist diese Zeit lebendig geblieben. In eben dem Katalog legt ein Autor namens Helmut Draxler dar, Schlick sei "ein Cultivateur von Lebensritualen, der der vielleicht weltweit letzten, der Grazer Boheme entstammt". Und in der Tat, gerade als Bohemien ist Schlick lebendig geblieben. Und weil das eine bedrohte Spezies war, hat Schlick sich auf sein Randdasein einiges zugute gehalten. Er hatte einen Geheimbund gegründet, die "Lord Jim Loge" mit ihrem Signet von Sonne-Hammer-Busen, mit "Keiner hilft keinem" als Motto und Leuten wie Kippenberger als Brüder, und er hatte nichts besseres zu tun als die Geschichte von der klandestinen Vereinigung überall herumzuerzählen. Die Kunst ist ein Lebensritual, und die Existenz im Einzugsbereich der Magie ist nichts ohne die Öffentlichkeit, die dieser Magie glaubt. Ob Schlick daran glaubte, tut nichts zur Sache. Auf einem Plakat, das Schlicks erste und treueste Galerie, Bleich-Rossi in Graz, herausgab, lässt sich Schlick in einem fiktiven Interview vernehmen. Frage: "Wie sehen Sie Ihre Kunst?" Antwort: "Ich bin Avantgardist. Ich mache Propaganda für geschmacklose Bilder". Und darin bestand wohl tatsächlich Schlicks Rolle, dieser großen Kunstfigur und Künstlerfigur in Graz. Er machte geschmacklose Bilder. Und im Gegensatz zu den vielen anderen, die geschmacklose Bilder machen, wollte er es so. Nun ist Jörg Schlick, gerade 54jährig, nach langer Krankheit gestorben.

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