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Jeff Wall - Neue Arbeiten: Ein Virtuosenstück purer Häßlichkeit

Es ist nicht besonders schwierig, Edouard Manet für einen der größten Maler überhaupt zu halten. Schwieriger ist es schon, das eigene Künstlertum ins Vernehmen mit ihm zu setzen, auf Modernität zu pochen, auf die Souveränität im Umgang mit Farbe und Faktur oder auf das Außenseitertum, auf jenen persönlichen Sezessionismus, der Manet so dezidiert auf den Leib geschrieben schien wie er ihm zuwider war. Und man muß nicht gleich Picasso sein, um mit dem eigenen Reim auf Manet zu scheitern. Jeff Wall hat mit seiner speziellen Manet-Adaption reüssiert wie kein zweiter der Nachgeborenen. Von Anfang an, seit den späten Siebzigern, als er mit seinen in den Leuchtkasten gespannten Großdias sehr schnell bekannt wurde, beruft sich Wall auf den \"Maler des modernen Lebens\". Was Manet seinerzeit an den Heroen der Kunstgeschichte, an Tizian oder Goya, durchexerzierte, taugt Wall nach wie vor als Strategie: Kompositorische Muster werden dem Vorbild entlehnt und in der autonomen Welt des Ateliers mit den eigenen Mitteln an Modellen und Accessoires nachgestellt. Wie Manets \"Olympia\" bei Tizians \"Venus von Urbino\" plündert, so ist Walls \"Picture for Women\" die zeitgemäße Version zu dessen \"Bar in den Folies-Bergère\". Fast ein Vierteljahrhundert später hat der Pariser Meister stärker Konjunktur denn je. Das raumfüllende \"Tattoos and Shadows\", das für Walls Präsentation bei Rüdiger Schöttle das Opus Magnum abgibt, ist in aller Offensichtlichkeit Manets notorischem \"Frühstück im Grünen\" verpflichtet. Die Figuren sind ins Proletarische abgedriftet, und die Szenerie ist ein Vorstadtgarten, doch die Aufladung mit Zeitgenossenschaft ist bei Wall so zentral wie ein Jahrhundert vorher bei Manet. Das Spiel von Licht und Schatten hat Gesellschaft bekommen durch die Tätowierungen der Hauptfigur: Der Impressionismus der Bildoberfläche ist ergänzt vom Expressionismus der Menschenoberfläche. Das ist für die Gegenwart so modern, wie es vor 150 Jahren die nackte Haut war: kein Skandalon, aber ein Virtuosenstück purer Häßlichkeit. Die Ästhetik der Zeitgenossenschaft ist, bei Wall und Manet, keine Frage der Schönheit, sondern der Reflexion.
Jeff Wall - Neue Arbeiten
25.03 - 12.05.2001

Galerie Rüdiger Schöttle
80802 München, Amalienstraße 41
Tel: +49 89 33 36 86, Fax: +49 89 34 22 96
Email: info@galerie-schoettle.de
https://www.galerie-schoettle.de/
Öffnungszeiten: Di-Fr 11-18, Sa 12-16 h
Sommeröffnungszeiten: Do, Fr 14-18 h


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