Werbung
,

Die Haut des Bären

Im Jahr 1904 taten sich in Paris dreizehn Leute zusammen, um mit Kunst zu spekulieren. Das Konsortium setzte auf das, was noch nicht einmal Avantgarde hieß, und es war über die Maßen erfolgreich. Picasso wollte man kaufen oder Matisse, die Ware zehn Jahre lang behalten und sie dann wieder abstoßen. Als am 12.März 1914 im Hotel Drouot die Versteigerung über die Bühne gegangen war, hatte man aus den 27.500 Francs Anfangsinvestition deren 116.545 gemacht. Allein Picassos "Familie der Gaukler" war von 1.000 auf 12.650 Francs gestiegen. "La peau de l`ours", wie das Unternehmen sich nannte, hatte ein schönes Stück Beute erlegt. Im Mumok wollen sie demgegenüber im Moment so tun, als wären Sammler in erster Linie Idealisten. "Entdecken und Besitzen. Einblicke in Österreichische Privatsammlungen" drapiert die individuelle Habe zu stupenden, überlegt und überlegen angestrebten Ganzheiten, in denen das Erbe des Ancien Régime, die Souveränität, die beeindruckendsten Urstände feiert. Das ureigene Privileg des Sammlers, die Verschrobenheit, wird ebenso unterdrückt wie so etwas wie Interesse, sei es ökonomisch oder gar, weil in Narzissmus getränkt, psychologisch. Sind Sammler wirklich so clean, so streberhaft und so langweilig, wie sie im Mumok gezeigt werden? Ernst Ploil, von dem die sicherlich beeindruckendste Kollektion stammt, gab einst die folgende wunderbare Einschätzung seines Verhaltens im Auktionssaal zu Protokoll: "Man geht hinaus und denkt in diesem Moment überhaupt nicht übers Geld nach. Was man hat, ist folgendes: Man hat jemanden - erster Triumph - niedergeboten; man hat - zweiter Triumph - das Gefühl, günstig gekauft zu haben, denn man glaubt - der klassische Selbstbetrug - durchschaut zu haben, wieviel das Ding wirklich wert ist, nämlich, so redet man sich ein, bedeutend mehr. Und man hat - dritter Triumph - bekommen, wovon man überzeugt ist, dass es einem sowieso gehört. Man wird insgesamt in einer Mehrzahl von Trieben befriedigt, und überdies lässt sich das, was man soeben absolviert hat, auch noch intellektuell überhöhen". Sammeln hat also doch etwas mit der Haut des Bären zu tun. Um das Fell zu bekommen, muss man das Tier erlegt haben. Und wenn man das Tier erlegt hat, gibt es ein Geheul. Ein Triumphgeheul. Das Geheul eines dreifachen Triumphs. Im Mumok sieht man das Echo davon.

Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2022 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: