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Lieblingsbilder

Nicht nur die Deutschen haben gewählt, sondern auch die Briten. Und während die Deutschen nicht recht wussten, wen sie mit welchen Mitteln aufs Altenteil schicken könnten, haben die Briten für die Entsorgung gestimmt. "Das Kriegsschiff Temeraire wird zu seinem letzten Ankerplatz geschleppt, um abgewrackt zu werden" ist, so weiß man es dank der BBC, der Insulaner Lieblingsbild. Joseph Mallord William Turner hat das schlierige Seestück im Jahr 1838 ins Werk gesetzt. Vielleicht ist es deshalb der Favorit, weil es zum obligatorischen Nebel doch auch viel Sonnenlicht aufbietet; vielleicht deshalb, weil das stolze Albion, wenn schon, dann selbst, seine Vergangenheit in den Hafen der Geschichte schleppt; vielleicht auch deshalb, weil ihre Nation soviele Maler auch nicht hervorgebracht hat, die im Lexikon stehen. Jedenfalls Turner. Auf Platz zwei kam übrigens noch ein Brite, John Constable, mit seiner ländlichen Szenerie des "Hay Wain", des Heuwagens, der sich seinen Weg durch altmodischen Morast und avancierten Wolkenhimmel bahnt. Platz drei wird von einem Ausländer belegt, und zumindest diese Wahl deutet auf viel Kunst-Verständnis vor Ort. Es hat also das, mit Verlaub, beste Bild der Kunstgeschichte getroffen, Edouard Manets "Bar in den Folies-Bergères", das zwar in Paris entstanden ist, aber in London, in der Courtauld Galerie, hängt. Respekt, ihr Briten, alles nicht ganz unmodern, aber auch nostalgisch genug, um ein wenig melancholisch zu werden, alles 19. Jahrhundert, und da hatte man sowieso seine beste Zeit. Leider blieb damit dem meiner Meinung nach großartigsten Altmeisterbild, das in der National Gallery beheimatet ist, ein Ehrenplatz vorenthalten, Velazquez` wunderbarer "Rokeby-Venus", die mit dem schönen Po und dem Spiegel, den ihr Amor vorhält. Harald Schmidt hat nun die Deutschen aufgefordert, es dem Erzfeind gleichzutun und sich auch zu ihren Lieblingsbildern zu bekennen. Er hat das übrigens ganz ohne Häme getan, allerdings musste der Manet aller Coffeetable-Bände zum Trotz, die sich im Studio immer hinter Manuel Andrack aufbauen, spiegelverkehrt auftreten. Fragen wir im Schmidt`schen Sinne, was wohl die Österreicher wählen würden. Das Porträt, das Franz Xaver Winterhalter, der aus Sankt Blasien im Schwarzwald stammt, von Elisabeth gemalt hat, die aus Possenhofen am Starnberger See stammt? Die zusammengefalteten Hände von der Hand eines gewissen Dürer aus Nürnberg an der Pegnitz? Ein Schüttbild von Nitsch, eine Raststätte von Hundertwasser, eine Dildo-Performance von Elke Krystufek? Eine goldgeträkte Oberfläche voller Anmutung und Hingabe, genannt "Der Kuss"? Apropos Gold und apropos Hingabe: Sollte sich Cellinis "Saliera" noch im Land befinden, könnte man auch sie wählen. Aber nur dann.

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