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Wahrer als wahr - Repräsentation von Geschichte: Moralismus oder Barbarei

"Es ist niemals ein Dokument der Kultur", hat einst ein kluger Kopf gesagt, "ohne zugleich ein Dokument der Barbarei zu sein." Jedem Stück Kunst, nimmt man dieses Diktum ernst, ist das Inhumane mitverschrieben, und das zu bedenken kann nicht schaden, geht es ans Gedenken. An eben jenes Gedenken geht es gerade in der Galerie Charim. "Wahrer als wahr" heisst es im Titel der Gruppenschau, und im Untertitel: "Alte und neue Mythen des Gedenkens". Manchmal ist das Gezeigte durchaus brachial. Der Franzose Renaud Auguste-Dormeil etwa hat sich das heraldische Tier schlechthin vorgenommen, und was einst Marcel Broodthaers eine wunderbare Darbietung des Adlers vom Oligozän bis heute wert war, ist nun ein ungerupfter Vogel, der kopfüber von der Decke hängt. Milica Tomic wiederum ist mit ihren beiden Fotos des "Belgrade Remembers" vertreten, Inszenierungen, in denen sie die Partisanin abgibt, die gerade an einem belebten Platz der serbischen Hauptstadt aufgehängt worden ist. Manchmal kommt es feinsinniger daher, und die Komplizenschaft des Kulturellen mit dem Barbarischen scheint auf einmal sehr explizit. Braco Dimitrijevic hat also einen Flügel in die Galerie gehievt und ein Portät des Genossen Dschugaschwili zwischen die Saiten gelegt; Freund Stalin tönt mit, wenn der Wohlklang sich ergießt. Und Lisl Ponger lässt per Zufallsgenerator Ausschnitte aus fünf Wochenschauen des Jahres 1955 durchs Video dröhnen, Versionen des Zeitgeschehens, wie es den Amerikanern, den Russen, den Franzosen, den Engländern und, unvermeidlich, den Österreichern gut schien für die nationale Erbauung. All das ergibt eine sehr passable Zusammenstellung - noch dabei: Carmen Brucic, Mladen Bizumic, Tim Sharp und Valie Export. Und doch ist die Schlagseite, die notorisch ist, wenn es um Kunst geht, unübersehbar. Wieder einmal ist die Kunst fürs Spiegelvorhalten und Besserwissen und auf den anderen Zeigen zuständig, und einmal mehr wird ausgeklammert, dass nach jenem klugen Satz sie die Barbarei immer auch verkörpert, die sie dokumentiert. Gerade beim Gedenken zeigen immer ein paar Finger auf einen selbst.
Wahrer als wahr - Repräsentation von Geschichte
14.09 - 08.10.2005

Charim Galerie
1010 Wien, Dorotheergasse 12
Tel: +43 1 512 09 15, Fax: +43 1 512 09 15 50
Email: info@charimgalerie.at
http://www.charimgalerie.at
Öffnungszeiten: Di-Fr: 11-18h
Sa: 11-14h


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