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`...dass dieser Kanzler seine Arbeit fortsetzen kann`

"Der Wind des Zeitgeists ist nicht der Wind der Bevölkerung". Dieser Satz stammt von Helmut Kohl, dem Mann, der es sich leisten konnte, in die Geschichte einzugehen und die Deutschen nicht zu fragen, ob sie ihm dabei behilflich sein wollen. Nun haben sie die Wiedervereinigung und Kohls Ziehtochter Angie als Kanzlerkandidatin. Der Wind der Bevölkerung wird sie mutmaßlich ganz an die Spitze tragen. Sich einem solchen Sturm vom Paradiese her zu widersetzen haben soeben 46 Persönlichkeiten eine auch in Zeiten der Krise nicht ganz billige ganzseitige Anzeige in der Süddeutschen Zeitung vom Wochenende geschaltet. Die Unterzeicher entstammen allesamt dem Kunstbetrieb und entsprechend angelegt ist ihre Unterstützungsaktion für Gerhard Schröder. Sie verweisen darauf, dass der amtierende Kanzler "die Kunst zu einem zentralen Element des Öffentlichen Lebens unserer Republik gemacht" habe. Klingende Namen tragen die Aktion, Stefan Balkenhol, Jochen Gerz, Andreas Gursky, Jörg Immendorf, Markus Lüpertz sowie ein Sympathisant aus dem verfreundeten Ausland namens Hermann Nitsch. Welche Kompetenz die Solidarisierenden an Schröder schätzen, vermag sich einem nicht ganz zu erschließen. Lüpertz spielt gern mit dem Kanzler Skat, und Norbert Bisky, die einzige wirkliche Szene-Figur, die unterzeichnet hat, ist der Sohn des SED- vulgo PDS- vulgo "Die Linke"-Funktionärs Lothar Bisky und arbeitet vielleicht gerade an einem ödipalen Projekt. Was die Gruppe indes zusammenhält, ist der Wunsch, dass "dieser Kanzler seine Arbeit fortsetzen kann". Die Deutschen, das Tätervolk par excellence, hatten sich wohnlich eingerichtet in ihrer Opfermentalität, und die siebzehn Millionen, die sie dazubekommen hatten, spielten zumindest diese Rolle perfekt. Die einzige Aktivität, zu der sie sich aufrafften, war die Forderung nach Perpetuierung ihrer Passivität. Nun werden ausgerechnet die Künstler aktiv. Sie werden aktiv, da wahrscheinlich alles vergeblich ist und die Figur, die ein 32 Jahre altes Lied der 64 Jahre alten Rolling Stones bemüht, um auf ihre Modernität aufmerksam zu machen, längst auf ihrer gemähten Wiese sitzt. Diese Form von Aktivität entspricht dem Status Quo der Deutschen immerhin über die Maßen.

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