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Buona Sierra

Ein wenig Schafskälte. Konjunktur flau. Die Lage normal. Alles ruhig an der Heimatfront. Die Vorhut, der Stosstrupp, die Avantgarde ist nach Venedig gezogen, Biennale, doch auch im Südwesten nicht viel Neues. Die Berichterstattung brav. Ein Glas Schampus auf Schabus. Zum ersten Mal seit hundert Jahren - wie war es davor? - der goldene Löwe für den Länderbeitrag einer Frau. Bis Samstag musste alles geschrieben sein. Wohl dem, der jetzt noch Zeilen hat. "Politisch Motiviertes oder Sozialkritisches ist die Ausnahme", hält einen "die Presse" auf dem Laufenden, und man selbst könnte es nicht besser sagen. "Scharfe politische Aussagen", so steht es weiter in der "Presse" zu lesen, Mangelware. Konsequenterweise erinnert sie an "Richard Sierras nur für spanische Staatsbürger betretbaren Spanien-Pavillon bei der letzten Biennale". Richard Sierra, war das nicht der, der ein Labyrinth aus Corten-Stahl vor die Fassade gepflanzt hat? Der mit dem Schatz der Sierra Madre? Richard Sierra, den Doris Day einst besang: Que Sierra, Sierra? Der Bruder von Santiago Serra? Einst war im "Standard" an einen Meister namens Gustav Schiele erinnert worden. Als einige Zeit darauf der "Falter" von Gustav Metzger schrieb, aber eindeutig den Verfasser dieser Glosse im Auge hatte, war davon auszugehen, dass das Wiener Feuilleton vor einem neuen Phänomen sitzt: der Gustav-Geschichte. Doch, heiliger Jakob, nun gibt es ein anderes: die Santiago-Sache. Vor zehn Jahren warfen sie in Frankreich eine Neuausgabe von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" auf den Markt. Und nachdem jeder Roman einen Autor hat, stand dessen Name auch sogleich obenauf am Cover: Alain Proust. Nun hat Frankreich viele Schriftsteller von Weltrang, doch endlich hatten sie einmal einen Rennfahrer. Warum also nicht an ihn erinnern: So kam Marcel Proust zur Personalunion mit Alain Prost. Der Literat und sein Chauffeur, sie ergaben ein vorzügliches Gespann. Richard Sierra. Vielleicht wollte "die Presse" ja nur ein wenig erheitern, wo doch alles so lau und flau ist momentan. Das ist ihr souverän gelungen. Und wie heisst es bei einem der bedeutendsten Autoren des Jahrhunderts: "Am Anfang war das Wortspiel" . Der Satz stammt übrigens von Thomas Beckett, Sie wissen schon, dem Verfasser von "Warten auf Godot".

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