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Renoir und das Frauenbild des Impressionismus: Billiger und williger

"Oft stand ich mitten im Coitus auf, um eine Bewegung, einen Ausdruck zu notieren." Ernst Ludwig Kirchner hat dies zu Protokoll gegeben, und im Laufe jener unvermeidlichen Entwicklung, die man klassische Moderne nennt, hat man derlei Bocksprünge irgendwann als einen Riesenschritt für die Menschheit angesehen. Kirchner ist nicht dabei bei der Versammlung von allerlei Weiblichem und vielerlei Nacktem, wie sie die Kunsthalle Krems zur Saisoneröffnung opulent präsentiert. Sie zeigt eine Art Vorgeschichte dazu, jene im Impressionismus und in dessen Frischluftobsessionen wurzelnde Vorstellung, Frauen gehörten ins Freie. Dort, so flüsterte es der kleine Mann ins Ohr der Künstler, sei der Sex billiger und das Modell williger. Wiese und Wasser wurden zu natürlichen Orten weniger der Nackt- als der Ausgezogenheit. Pierre-Auguste Renoir war einer der ersten, die der malerischen Freikörperkultur frönten. Drall und prall geht es zu auf seinen Bildern, etwas verschwommen vielleicht, aber das entsprach dem Faible füs Authentische, mit dem man sich nunmeher umgab. Schließlich ging es um Wahrheit und Reinheit und vor allem darum, was man dafür hielt. Ob bewusst oder nicht rekonstruiert die Kunsthalle Krems einen Prozess der Verlogenheit. Als Antipoden zu Renoir hat man Degas im Repertoire, dessen Tänzerinnen nicht minder den Gout des Femininen atmen, doch wo Renoir das Räkeln bevorzugt, posieren die Frauen in der Artifizialität stillgestellter Pirouetten, und wo Renoir die Brüste vorzeigen lässt, haben die Frauen bei Degas deswegen nichts an, weil sie sich waschen, abwaschen vom Dreck der Gegenwart. Zum einschlägigen Duo gesellen sich noch einige, wenige, zu wenige Beispiele der Salonmalerei, die man ja gemeinhin für eines der gründlichsten Abführmittel der Moderne hält. Doch im Realismus, dem sie frönen, weil dieser Art Pompier nichts anderes einfällt, als zu zeigen, was sie kann, ist Realität enthalten. Zu dieser Realität gehört, dass auf einem Gemälde etwa von Jean Béraud nicht nur eine Hure zu sehen ist, sondern auch der Mann, der sie gleich kaufen wird. Derlei wird man bei Renoir vergeblich finden. Es unter den Tisch zu kehren ist das Erfolgsrezept der Moderne.
Renoir und das Frauenbild des Impressionismus
03.04 - 31.07.2005

Kunsthalle Krems
3500 Krems, Franz-Zeller-Platz 3
Tel: +43-2732 90 80 10, Fax: +43-2732 90 80 11
Email: office@kunstalle.at
http://www.kunsthalle.at
Öffnungszeiten: Di - So und Mo wenn Feiertag 10-18 Uhr; in den Wintermonaten 10-17 Uh


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