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Schweizer Botschaften

\"Als Vertretung des Künstlers Helmut Federle verwehren wir uns mit aller Entschiedenheit gegen die Benützung des von Helmut Federle gestalteten Reliefs an der Westfassade der Schweizerischen Botschaft in Berlin. Diese wird seit über einer Woche als Träger für die Lichtinstallation des spanischen Künstlers Chema Alvargonzales benützt, der offiziell von der Schweizerischen Botschaft eingeladen wurde, dieses Federle-Relief mit einer eigenen Arbeit zu bespielen. Der Künstler hat mit Silikonkleber direkt auf dem Betonrelief sein Lichtobjekt angebracht. Trotz des Protestes von seiten Federles und des Architekten Roger Diener... ist die Schweizerische Botschaft nicht bereit, diese Installation entfernen zu lassen.\" Dies ist die zentrale Passage einer Pressemitteilung, die die Galerie nächst St. Stephan kürzlich lancierte. Federle, der Schweizer Künstler, der seit langem in Wien lebt, fordert darin zugleich die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands und pocht auf \"die Autonomie und die Integrität meines Kunstwerkes\". Müßig anzumerken, daß Alvargonzales die Schauwand durch seine himmelschreiend banale Applikation eines Schriftzuges, der sich als das Goetheanische \"Mehr Licht\" liest, verschandelt hat. Mit allem Recht klagt Federle also Autonomie und Integrität ein. Mit allem Recht, denn schließlich war gerade er es, der dem ästhetischen Eigensinn einst, in den Achtzigern, Monumente errichtete: Er gerade war es, der dem Hakenkreuz, das sein Gemälde \"Asian Sign\" bildfüllend vorführte, mit der \"Präzision der Zeichen\" und der \"formalen Konzentration\" beizukommen suchte; an ihm gerade war es, eine visuelle Sprache zu finden, in der die Eindringlichkeit der malerischen Geste jeden Verweis auf etwas anderes als sie selbst absorbiert. Mit allem Recht? Jetzt nämlich macht Federle seinerseits Kunst am Bau, und damit wird seine Beschwerde haltlos. Denn natürlich drängen sich seinem Werk nun all die Dinge auf, die diese Art von Fassadenkosmetik eben mit sich bringt: Annehmliches wie Geld und Aufmerksamkeit, aber auch Widerwärtigkeiten wie die minderen Anliegen derer, denen die Arbeit täglich vor die Nase gesetzt ist. Vielleicht gibt es Oeuvres, zu denen das Prinzip öffentlicher Ort nicht paßt, und Federle stand einst beispielhaft für eine solche souveräne Distanz. Die Autonomie und Integrität, die er nun für seine Berliner Arbeit einfordert, hat er selbst in Frage gestellt.

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Kein \"Licht ins Dunkel\" für Berlin
Nicoletta Blacher | 27.11.2001 04:20 | antworten
Mit dem Kommentar \"Viel Lärm um nichts: Mehr Nicht!\" endete die gestrige Podiumsdiskussion zu \"Möglichkeiten und Grenzen künstlerischer Bespielung von Kunst am Bau und Architektur\" in der Schweizer Botschaft. Rechtzeitig vor Beginn der Veranstaltung wurde das Lichtobjekt von Alvargonzales abgebaut. Die Anmerkungen von Botschafter Thomas Borer am Beginn der Veranstaltung prägten auch den weiteren Inhalt: Ein Rechtsstreit lohnt sich, auch im Sinne des vorweihnachtlichen Friedens, nicht. Welche Handlungsspielräume habe er als Nutzer? Außerdem sei die Arbeit von Federle sehr unbeliebt, dies bestärken Aussagen vom Taxifahrer bis hin zum prominenten Nachbarn, dem Bundeskanzler. Durch die temporäre Bespielung habe auch die Arbeit von Federle eine neue und positiv rezipierte Bedeutung bekommen. Der weitere Diskussionsverlauf verlief sich vor allem in Urheberrechtsfragen. Ist die eigentlich nur in der Nacht wirkende Arbeit von Alvargonzales, ein Eingriff, eine Entstellung oder ein Spiel mit der Form. Letzteres könnte nach dem §14 im Deutschen Urheberrechtsgesetz auch einen Ausweg in einem weitergehenden gerichtlichen Streit ermöglichen. Interessant erscheint an diesem Diskurs der Umgang mit Kunst und Künstlern. Im ungeschützten öffentlichen Raum werden Legitimations- und Qualitätsfragen stärker behandelt und dem Rezipienten (Steuerzahler, Nutzer, Flaneur und Vorbeifahrer) auch Platz eingeräumt. Die der Kunst dabei zugemessenen Funktionen gehören eigentlich einer vergangenen Epoche an: Behübschung, Repräsentation oder ästhetische Unterordnung an gewohnte historische Baukultur oder Einfügung ins Gesamtdesign neuer Architektur; Aber auch in der medialen Auseinandersetzung, abseits des Lokaljournalismus, zeigen sich erstaunliche Argumentationen. Der Künstler Federle und die \"Fassadenkosmetik\". Nicht die Arbeit von Alvargonzales und der Tatvorgang, sondern die Arbeit von Federle wird hinterfragt, ohne den Kontext einzubeziehen: \"Umkreist man das Gebäude, zerfällt es durch seine verschieden behandelten Seiten in eine Collage einzelner Bilder, die man aus dieser Stadt kennt. Bilder, die von ihrer wechselvollen Geschichte erzählen: von endlosen Fensterreihen, zugemauerten Öffnungen und Brandmauern, in die unregelmäßig Fenster geschlagen wurden. Vielleicht ist es das, was die Berliner an der Schweizer Botschaft stört: die Erinnerung an ihre Stadt mit ihren unzähligen Brüchen, die sie gerne unsichtbar machen würden.\" (Axel Simon \"TagesAnzeiger\")

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