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Jahresrückblick, die nächste

Ausstellungsinstitut des Jahres: Die Albertina. Man muss das Haus, das Getöse, das es veranstaltet, und das Schielen nach der großen Zahl nun wirklich nicht mögen. Aber genauso wie etwa der "Standard" nicht umhin kann, Jörg Haider zum "Kopf des Tages" zu machen, wenn der die Wahl in Kärnten gewinnt, muss man die Albertina würdigen. Was momentan in Wiens Museumsszene passiert, die Rubens-Dreimal-Peinlichkeit allen voran, läßt sich nicht erklären ohne den Hyperaktivismus des Systems Schröder. Mittelmaß des Jahres: Das Liechtenstein Museum. Zur Erläuterung siehe oben. Aufsteiger des Jahres: Der Grazer Kunstverein. Mit der "Gelegenheit & Reue"-Schau zum diesjährigen steirischen herbst hat man der Gegenwartskunst endlich einmal jene Kompetenz erstattet und zurückerstattet, die unter den ganzen Transgender- und Pop-in-der achtzehnten-Generation-Marginalitäten verschütt gegangen war: nämlich Themen anzuschneiden und Antworten anzubieten zu den großen Fragen des Lebens. Künstler des Jahres: Marko Lulic, seine Arbeiten und vor allem auch die Dinge, die er zu ihnen zu sagen hat. Seine Meta-Monumente sind raffinierte Projekte über das Prinzip Projekt. Sie sind angefüllt mit dem Bewusstsein für Geschichte, dem Bewusstsein für Form und vor allem mit dem Bewusstsein für Wissen. Sollte es sein, dass zu Zeiten eines fortgeschrittenen PISA-Desasters ausgerechnet Bildung hier eine Renaissance erfährt? Ausstellung des Jahres in einem öffentlichen Forum: Birgit Jürgenssen, "Schuhwerk", in der Galerie des MAK. Sehr vollmundig mit "Subversive Aspects of Feminism" untertitelt, zeigte die dann doch kleine feine Schau eine der faszinierendsten Facetten einer viel zu jung und viel zu wenig gewürdigt gestorbenen großen österreichischen Künstlerin. Ausstellung des Jahres in einer Galerie: Roland Kodritsch bei Feichtner in Wien und Schafschetzy in Graz. Der junge Wiener Maler ist ein rechter Spassvogel, und ab und an versanden seine Text-Bild-Kombinationen im Kurzzeitspektakel einer schlecht verstandenen Kippenbergerei. Weitaus öfter aber verbinden seine Arbeiten den Witz mit jener tieferen Bedeutung, die sich ergibt, wenn man eine Leinwand voller Farbspritzer dank einiger perspektivischer Linien mit einem behenden Bild-im-Bild-Effekt ausstattet oder einer MDF-Platte per Pinselauftrag die Würde eines Holzbrettes zurückgibt. Flop des Jahres: Das MAK. Die völlig überkandidelte Otto-Muehl-Schau. Die mit missraten noch euphemistisch bewertete Evi-Peep-Show. Die Wiener-Werkstätten-Retrospektive, bei der man den Direktor offenbar zu seinem Glück zwingen musste. Die Präsentation von Wiener Silber, für die sich ein Konservator des Hauses bei der Konkurrenz vom Kunsthistorischen Museum einmieten musste. Ist die Verzweiflung des MAK über die Unbotmäßigkeit der Zeitläufte wirklich so himmelschreiend? Kurator des Jahres: Christa Steinle. Nicht nur, dass es in der Grazer Neuen Galerie, etwa in Gestalt der Kupelwieser-Ausstellung, immer wieder jenen Überraschungseffekt zu verspüren gibt, der einen fragen lässt, warum es das nicht früher gab. Nicht nur, dass Christa Steinle zu der seltenen Spezies jener Kuratoren gehört, die die Theorie, die sie zitieren, auch gelesen haben. Vor allem auch steht die Leiterin der Neuen Galerie für einen eigentlich ganz selbstverständlichen Sachverhalt: dass man auch nach Graz fahren kann, wenn man Direktoren für Wien sucht.

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