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Die Gratulationsglosse

Dieses Jahr lassen wir Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen. Es ergibt sich nämlich, dass das artmagazine gerade sein Vierjähriges begeht. Und diese Glosse trägt die Ordnungsnummer 100. Wenn das, um es mit Patrick Lindner zu sagen, kein Grund zum Feiern ist. Sollte Ihnen dieser Anlass dafür allzu marginal sein, dann treffen wir uns nächstes Wochenende wieder im Kunsthistorischen Museum, im Liechtenstein Museum respektive in der Gemäldegalerie der Akademie. Dort feiern sie Rubens. Ganz kollektiv. Und ganz ohne Anlass (außer vielleicht jenem, dass die Albertina mit ihrer Rubens-Schau an eben dem Wochenende wieder aufhört). Was ist nicht alles passiert in diesen vier Jahren und hundert Glossen! Schüssel ist immer noch Kanzler, aber Morak wird langsam wieder gegrüßt. Seipel ist immer noch der Primus inter Pares der Museumsleute, aber die Pares haben sich langsam zu Patres aufgeworfen und heißen jetzt sehr sprechend Schröder oder Kräftner. Frau Gehrer ist immer noch Ministerin, aber die Österreicher verlernen langsam das Wissen, wie man sie schreibt. Geld haben die Künstler immer noch nötig, aber früher sagten sie zur Behebung ihrer Nöte "Ich muss noch einen Antrag stellen", während es heute heißt: "Ich brauch noch einen Sponsor". Was aber ist auch alles nicht passiert! Nachstehend also ein kleiner Auszug aus dem Katalog an Glossen-Themen und -Thesen, mit denen die Leserschaft verschont wurde: Eine Glosse in Hexametern. So wie Anton Wildgans einst dem Schweinsbraten klassisch kam, als "Brutzelnd, brätend und braun vom prasselnden Brande des Bratherds", so sollte sich auch das artmagazine einmal per Versmaß präsentieren, etwa so: "Tadeln ist leicht, erschaffen ist schwer; ihr Tadler des Schwachen/habt ihr das Treffliche denn auch zu belohnen ein Herz?" (sorry, wieder nicht von mir). Eine Glosse über Verschwörungstheorien. Am Abend von Nine Eleven, es waren gerade die Eröffnungen in der Schleifmühlgasse, hatte ich mein hermeneutisches Canossa. Ich erklärte wortreich die millenaristische Herkunft der Attentäter und belegte das Ganze mit einem unschlagbaren Verweis auf die Zahl 273, die für den absoluten Nullpunkt steht (minus 273 Grad ist die Kälte des Weltraums). Der 11. September, so führte ich aus, sei der 273. Tag des ersten Jahres nach den beiden Jahrtausenden. Irgendwie doch logisch, oder?, und die Zuhörenden waren auch durchweg beeindruckt. Allein, ich hatte mich verzählt. So entstehen Verschwörungstheorien. Eine Glosse über Tirol im Schulatlas. Die österreichischen Atlanten schaffen es immer noch, jene Doppelseite, die das ganze Land zeigt, so zu arrangieren, dass Südtirol bis zur Salurner Klause immer mit drauf ist. Die Rahmung stülpt sich an dieser Stelle sogar ein wenig aus, damit man nur alles bis zur ominösen ehemaligen Grenze sehen kann und dann nichts mehr. Das Wunderwerk der Layout-Technik kommt dabei so zufällig daher, dass es fast wie Absicht aussieht. Eine Glosse über Kuratoren. Noch nie hat an dieser Stelle gestanden, dass Hans Ulrich Obrist vom steirischen herbst zum Nomaden des Jahrhunderts erklärt wird. Und die schöne Konjugation des Verbs "kuratieren", die sich Veit Loers verdankt, kam auch noch nicht vor. Hiermit sei sie nachgeholt: Ich kuratiere, du kuratierst, er/sie/es kuratiert, wir sind kuriert. Was wir von unserer Leserschaft natürlich nicht hoffen.

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