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Auf alle Fälle weiße Zelle

Wenn in Häusern der Moderne die Direktoren wechseln, dann bröckelt auch der Altbestand. Edelbert Köb etwa ließ einen Übergang in sein mumok einziehen, und der buchstäbliche White Cube, den Heimo Zobernig ihm in den Lichthof pflanzte, war nicht nur ein überfälliger Akt, sondern auch eine deutliche Geste. Neue Besen kehren ja bekanntlich besser. Seinerseits eine deutliche Geste war es, was Helmut Friedel mit dem Münchner Lenbachhaus anstellte, dessen Leitung er 1990 übernahm. Es hatte auch etwas mit White Cube zu tun, meinte aber exakt dessen Gegenteil. In einer weithin wahrgenommenen Aktion verpasste er den Räumen, in denen die Attraktionen des Hauses, die Werke des Blauen Reiter, zur Ausstellung gekommen waren, Farbe. Und was für Farbe: Rot oder Blau oder Grün oder Gelb jeweils für einen Raum, Optik wie von der Stange, krass und knallig, den Bilderschmock und die Bedeutungshubereien von Münchens Avantgardetruppe schier überbietend. Nun ist wieder die Tünche der Nüchternheit in den ersten Stock von Lenbachs ehemaliger Künstlervilla gezogen. In diesem Sommer war Picasso hier präsentiert worden, den man in einem heftig besuchten Tauschhandel vom Kölner Museum Ludwig bezogen hatte, während dort die Kandinsky-Klee-Macke-Jawlenski eingemietet worden waren. Nunmehr, nach höchst erfolgreichem Abschluss des Unternehmens, sind alle alten Zustände wieder hergestellt. Alle bis auf einen: Die Farbe ist abgeblättert, und es bietet sich in unauffälligem und gefälligem Hell dar, was ein gutes Dutzend Jahre lang auf Bunt gemacht hatte. Irgendwann laufen sich die Aufmerksamkeiten tot. Der postmoderne Protest gegen alles Modernistische hatte in Brian ODohertys 1976 in drei Folgen in "Artforum" publiziertem "Inside the White Cube" eine der meistgelesenen Einflüsterungen. Die weiße Zelle des Ausstellungsbetriebs war als Chimäre entlarvt; ihre Neutralität bemäntelt die Machtverhältnisse und ihre Gleichförmigkeit grenzt aus. Weiß war auch eine Farbe geworden. Und wie es aussieht, haben das seither auch alle verstanden. Vielleicht haben alle allzuviel verstanden. "Die ideale Galerie", so schrieb ODoherty seinerzeit durchaus polemisch, "hält vom Kunstwerk alle Hinweise fern, welche die Tatsache, dass es `Kunst` ist, stören könnten." In der Zwischenzeit sind einem derlei Hinweise nur so um die Ohren geflogen, Hinweise, die auf die Dispositionen, Herkünfte, Hobbies und Herzigkeiten der Künstler, des Publikums und der Umstände abzielten. Die ideale Galerie allerdings, so läßt sich die Geste des Lenbachhauses deuten, hält solche Hinweise am besten von den Arbeiten fern.

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