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Mein Salzburg

Es soll Menschen geben, die legen Wert darauf, jedes Jahr nach "Salzburg" zu fahren. Ich selbst war nur ein einziges Mal in "Salzburg". Das ist schon längere Zeit her, es war noch in der als sehr kontrovers verstandenen Ära Mortier. Mittlerweile, so hört man, ist "Salzburg" etwas geworden, was man populärer nennt, und auch das Publikum, das Wert darauf legt, sich jedes Jahr in "Salzburg" aufzuhalten, ist, wie man ebenfalls hört, etwas populärer geworden. Ich frage mich, was es dann damals war. Mein Entree in "Salzburg" gestaltete sich durchaus unproblematisch, denn ich hatte mit der Galerie Ropac zu tun. Gleich am ersten Abend hatte ich eine Tischdame, die auf den schönen Namen Sidney Picasso hörte. Sie sei mir diesbezüglich wohl eine Erklärung schuldig, gab sie gleich eingangs zu verstehen, ich bejahte freudig und bekam eine wortreiche Schilderung darüber zu hören, warum sie Sidney hieße. Schließlich sei das ja ein Männername. Ich war beeindruckt (sie war übrigens die Schwiegertochter). Doch ich wollte etwas anderes erzählen. Am zweiten Abend steuerte das Tischgespräch auf das Thema Oper zu, was einerseits naheliegend war, aber doch eine Wendung nahm, die es geraten sein ließ, derlei weit in der Ferne zu halten. Auf heute nicht mehr nachvollziehbare Weise war man in der Moderne gelandet, bei Alban Berg und bei seinem "Wozzeck". Wie es sich gehört für Kulturfuzzis brachte ich den Namen Büchner ins Spiel. Büchner? Ja, Büchner. Georg Büchner. Und Woyzeck. Woyzeck? Ja, Woyzeck, das Theaterstück. Ach, ein Theaterstück? Da gibt es ein Theaterstück dazu? Seither bewundere ich Thaddäus Ropac, der ja nicht nur Lüpertz und Baselitz im Angebot hat, sondern den Festspielenden auch Spröderes und Jüngeres unter die Näschen hält. Ich bewundere Agnes Husslein, die sich längst in die erste Reihe der Wozzeck-Afficionados hat hinein fotografieren lassen und es dabei über sich bringt, als kommende Chefin des Mumok gehandelt zu werden. Ich bewundere alle Galeristen, die den Weg von Wien oder München genommen haben, sich den Sommer um die Ohren schlagen und Salzburgs Gewölbe mit Gegenwart ausstaffieren. Und irgendwie bewundere ich sowieso all diejenigen, die jedes Jahr nach "Salzburg" kommen. Wie sie sich in die Kleider und in die Sessel zwängen, wie sie ihre Handys und von ihren Geschäften abschalten und wie sie hoffen, dass das, was man ihnen gleich vorsetzt, nur zwei Stunden dauern wird, dass es wenigstens nur Mozart sein wird und dass vielleicht der eine oder die andere Nackte zu sehen sein wird. Aber es ist ja für einen guten Zweck. Es ist für die Kultur. Und im Don Giovanni gibt es eine Champagnerarie.

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