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Ernst H. Gombrich

Er war kein Freund des Gegenwärtigen. \"Originell kann einer auch sein, wenn er eine Dummheit macht. Nichts leichter, als ein Bild verkehrt herum aufzuhängen\". Dieses kleine Baselitz-Bashing flocht Ernst H. Gombrich in das Gespräch ein, das wir im Oktober 1994 in Wien führten. Die Stadt, in der er 1909 geboren wurde, hatte ihn gerade mit irgendeinem Orden dekoriert. Während der Feierlichkeiten entfuhr einem der Redner, der Sir Ernsts Biografie Revue passieren ließ, die sehr milde Formulierung: \"Und 1936 hat es ihn nach England verschlagen\". So konnte man es auch sagen. Gombrich indes, Abkömmling des so stark kulturtragenden jüdischen Bürgertums, hatte sich vor den Nazis in Sicherheit gebracht. Gombrich war kein Freund seiner Vaterstadt. Hier hatte er Kunstgeschichte studiert, bei Julius von Schlosser, dessen geisteswissenschaftliche Wucht ihm die Weite des Faches nahelegte; hier hatte er Kontakt zu Ernst Kris, dessen Freudianismus ihn dann wieder auf die Enge einschwor. Zwischen psychologischen Befindlichkeiten und enzyklopädischer Verpflichtetheit auf das Humane oszillierte denn auch sein wissenschaftlicher Ansatz. Das Ornament erklärte er durchaus darwinistisch: Der Mensch habe von Urzeit an einen Sinn für Ordnung benötigt, um Gefahren, vulgo: Unordnung zu erkennen. Weil Gombrich dieses Wissen um das Unfreiwillige, Fremdgesteuerte und Idiosynkratische an Kultur so präsent war, konnte er deren Geltung gleichzeitig problemlos erweitern: Gombrichs kunsthistorische Paradeleistungen sind seine Arbeiten zu Karikatur und Physiognomik, zu Fragen der Bewertung und zum Problem des Normativen. Er war kein Freund der grassierenden Spektakelkultur. Sein Wirken ist gleichwohl nicht ganz schuldlos an der Vermischung von High and Low. Das gilt vor allem für den Bestseller schlechthin an Fachliteratur, Gombrichs 1950 in Druck gegebene \"Story of Art\", die in einem halben Jahrhundert 200 Auflagen in allen Sprachen der Welt erlebte. Die Massenkommunikation hatte sich auf sein Steckenpferd gesetzt, und nolens volens wurde einer der größten Gelehrten alten Schlages einer der ersten Agenten der Bewußtseinsindustrie. Er war kein Freund des Prinzips Kommunikation. \"Daß Kunst einfach Kommunikation sei\", schien ihm der Grundirrtum in der Ästhetik seines Jahrhunderts. \"Der Begriff der Meisterschaft ist ausgefallen\", gab er zu Protokoll, und hier sprach der Akademiker, der von 1959 bis 1976 Direktor des Londoner Warburg Institute war. \"Dafür hat sich so etwas wie Ausdruck an seine Stelle gesetzt\"; hier wiederum sprach der Zeitdiagnostiker und Rezensent, der Gombrich immer auch war. Wie recht er mit dieser Analyse einer Verengung hatte, zeigt sich gerade daran, daß dem Prinzip Ausdruck, noch dazu in nationaler Konzentration, heuzutage Sammlermuseen gebaut werden. \"Das, worum es einmal gegangen ist, die Bewunderung von Meisterschaft, hat sich verlaufen. Aber ich glaube, es wird wiederkommen\". Dieser Glaube schließlich wäre das Vermächtnis von Sir Ernst H. Gombrich, dem letzten Universalisten des vergangenen Jahrhunderts. (Rainer Metzger)

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