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What’s Love Got to Do with It?

Love lautet das Thema der diesjährigen, bereits 17. Ausgabe des Wiener Ausstellungsfestivals curated by. Ein großes Wort für ein Kunstereignis, das zuletzt nicht immer sein „Engagement für Experimentierfreude“ unter Beweis stellte - vielleicht sogar ein gefährlich großes, das gerade deshalb neugierig darauf macht, wie es sich in den Ausstellungen der 24 beteiligten Galerien einlösen lässt.

Denn was soll Liebe in einer Gegenwart bedeuten, die zunehmend von ihrem Gegenteil geprägt zu sein scheint? Von Abgrenzung und Entfremdung, von Krieg, Konkurrenz und gesellschaftlicher Polarisierung. Ist Love hier ein Gegenentwurf zur Realität – oder gerade deren kritische Befragung? Ist Liebe als Gefühl, als soziale Praxis oder als politische Kategorie überhaupt noch denkbar, ohne in die Sphäre des Privaten, Sentimentalen oder bloß Dekorativen zurückzufallen?

In der Gruppenausstellung Walter or You jerk you didn’t call me up in der Galerie Layr – kuratiert von Lou von der Heyde – erscheint Liebe zunächst als ästhetische Praxis des Verbindens: Als Versuch, Beziehungen herzustellen und trotz aller Widersprüche einen gemeinsamen Raum zu behaupten.

Als verbindendes Element dienen hier freistehende Wände, zumeist aus alten Türen, die an die Interieurs vergangener Vorzimmer oder bürgerlicher Salons erinnern. Sie verleihen den Galerieräumen eine repräsentative, zugleich leicht nostalgisch aufgeladene Patina. Auch die gezeigten Kunstwerke, vor allem die Malereien, wenden sich trotz ihrer zeitgenössischen Erscheinung dem Vergangenen zu – als würde dieses selbst zu einem „Wert des Mangels“.

Auffällig ist dabei die Rückkehr zu traditionellen Genres: zu postromantischen Landschaften, wie etwa bei Oskar Kargruber und Trevor Shimizu, oder, als Gegenpol dazu, zu Tanzszenen. Eine solche Arbeit ist Galliard von Vunkwan Tams. In der trivialen Form einer transparenten Kunststoffschachtel, die leicht zu übersehen ist, scheint sie von den leeren Versprechungen der Liebe mit blasser Sanftheit zu erzählen – und ist dabei buchstäblich voller Luft. „Enttäuschend. Ich hatte etwas Fremderes erwartet“, heißt es denn auch im gedruckten Begleitgespräch zur Ausstellung. Mit dieser megafeinen Show verabschiedet sich allerdings die Galerie Layr zugleich von ihrer bisherigen Tätigkeit – und macht sich „angeblich“ auf zu neuen Horizonten.

Weniger intim, aber nicht weniger tiefgreifend geht es in der benachbarten Galerie Tappeiner mit der Ausstellung Fugitive Love (Flüchtige Liebe) weiter, kuratiert von Jean-Rodolphe Petter und Oriane Emers. Wenn man von verschiedenen Arten der Liebe spricht, lohnt es sich, Liebe als unterschiedliche Formen von Beziehung, Begehren, Bindung und Fürsorge zu verstehen. Davon handeln die in der Galerie versammelten, medienübergreifenden Arbeiten von zehn Künstler:innen, die zugleich unterschiedliche Formen sozialen Handelns reflektieren.

Auffällig von der Decke herab flattert hier die festlich anmutende, aus Wimpeln bestehende dreiteilige Installation Franchise der Londoner Künstlerin Unyimeabasi Udoh. Sie greift das republikanische Schlagwort „Liberté, Égalité, Fraternité“ auf, übersetzt es in das Morsealphabet und unterzieht es einer zeitgenössischen Verschiebung: Die dritte Devise, „Fraternité“, wird durch „Neutralité“ ersetzt und damit als paradoxe politische Geste lesbar. Die Logik von Trennung und Ausschluss wird damit nicht überwunden, sondern fortgeschrieben.

Aus diesem Jahr stammt die zweiteilige Wandarbeit Mills I und Mills II von Shirin Yousefi (*1986, Teheran), in die kleinformatige Video-Loops als „Zentren der Aktivität“ integriert sind. In Endlosschleife flimmern darin, meist in kreisenden und rotierenden Bewegungen, beinahe wie in einem nie endenden Tanz, unterschiedliche Motive – etwa eine ausgestorbene Gazelle oder ein Zombie-Panzer. Zwischen Bedrohung und Faszination oszillierend, lassen die Bilder offen, ob man ihnen mit Angst, Abwehr oder gar Zuneigung begegnen soll.

„Wir sind durch und durch verdorben und wissen das auch“ – schreibt die amerikanische Dichterin und Performerin Adriana Reines in ihrem Einleitungsessay zu Love – aufreizend und zugleich lakonisch. Ihre Aussage könnte als irritierender Unterton über dieser Ausstellung liegen: als Schwebezustand zwischen Begehren und Abwehr, Zuneigung und Gewalt, Liebe und ihrer Unmöglichkeit. In diesen Modus fügt sich auch das spektakulär inszenierte Porträt von Miriam Laura Leonardi und Gabriele Garavaglia auf einer Harley-Davidson ein. Ihre großformatige Fotografie lässt die vertrauten visuellen Codes weiblicher Paarrepräsentation bewusst aus dem Gleichgewicht geraten und ins Monströse kippen.

My Whole Being Is a Dark Verse – die dritte für diese Besprechung ausgewählte Gruppenshow, diesmal in der Galerie Krinzinger und kuratiert von Chus Martínez, der Kuratorin des aufregenden dänischen Pavillons auf der diesjährigen Biennale in Venedig – schlägt deutlich dunklere und unmittelbarere Töne zum Thema Love an.

Neben Briefen von Gefangenen in den USA sind in der Ausstellung zwei Filme zu sehen, die sich mit Poesie als Sprache des Widerstands in zwei sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Kontexten beschäftigen. Océano de Amor (2019) von Alexa Karolinski und Ingo Niermann ist in Kuba, genauer in Havanna, angesiedelt – in einem Land, in dem offiziell nach wie vor sozialistische Prinzipien und die Idee kollektiver Verantwortung gelten. Der zweite Film führt in den Iran, wo Poesie unter gänzlich anderen Bedingungen zu einer Form des persönlichen Ausdrucks und des Widerstands wird.

In Nazarbazi (2021) von der mehrfach ausgezeichneten Maryam Tafakory entfaltet sich über eine Politik der Blicke und subtilen Gesten eine heimliche Sprache der Verständigung: Frauen und Männer begegnen sich über minimale Bewegungen, Blicke und Andeutungen – in einem Land, in dem die Darstellung körperlicher Liebe strengen Verboten und Zensur unterliegt und weibliche Körper aus dem offiziellen Bildraum weitgehend verbannt sind. Gerade diese Reduktion auf Blick, Geste und Andeutung macht den Film zugleich spannend und unangenehm.

Und um noch einmal auf den „Wert des Mangels“ zurückzukommen. Vielleicht gewinnt auch die Liebe ihre eigentliche Intensität erst dort, wo sie von Verlust, Unterdrückung oder Enttäuschung geprägt ist.

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Die Ausstellungen:

Walter or You jerk you didn’t call me up, curated by Lou von der Heyde
Layr
1010 Wien, Singerstraße 27
⤇ emanuellayr.com

Fugitive Love, curated by Jean-Rodolphe Petter, with Oriane Emery
Sophie Tappeiner
1010 Wien, An der Hülben 3
⤇ sophietappeiner.com

My Whole Being Is a Dark Verse, curated by Chus Martínez
Galerie Krinzinger
1010 Wien, Seilerstätte 16
⤇ galerie-krinzinger.at

Mehr Texte von Goschka Gawlik

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