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Die Kunst und die Dürre

Johann Joachim Winckelmann, der mit seiner 1764 erschienenen »Geschichte der Kunst des Altertums« die Kunstgeschichte als historische Disziplin prägte, entwickelte seine Vorstellung vom Vorrang der griechischen Kunst auch - und das mag überraschend sein – auf der Grundlage einer Klimatheorie. Sie sollte erklären, warum gerade die griechische Antike jene Kunst hervorgebracht hat, die er für zeitlos und unübertroffen hielt. Wetter und Klima waren für Winckelmann keineswegs bloß äußere oder arbiträre Bedingungen. Sie wirken auf den Körper, die Lebensweise und schließlich auch auf die intellektuellen und kreativen Fähigkeiten von Menschen.

Griechenland erschien ihm als klimatisches Ideal, ein Land zwischen Wärme und Kälte und mit ausgewogener Witterung. Unter einem solchen Himmel, so Winckelmann, habe sich auch die menschliche Gestalt in besonderer Vollkommenheit ausbilden können. Die Schönheit des klassischen Körpers war für ihn deshalb nicht allein dem ästhetischen Empfinden der Künstler:innen zu verdanken, sondern gewissermaßen auch ein Ergebnis wohl temperierter Natur. In seiner »Geschichte der Kunst des Altertums« nennt Winckelmann den „Einfluß des Himmels“ ausdrücklich als eine der Quellen für den - von ihm behaupteten - Vorrang der griechischen Kunst.

Damit formulierte er nicht nur lange Zeit nachhaltiges ästhetisches Urteil, sondern beinahe eine klimatische Kartografie des Nackten und des Schönen. Das Klassische erschien als Ergebnis eines bestimmten Ineinandergreifens von Geografie, Klima und menschlich erblühter Existenz. Der Norden Europas mit seinen kälteren und raueren Bedingungen lag außerhalb dieses imaginären klimatischen Epizentrums. Das Klassische war damit nicht nur eine historische Epoche, sondern schien an einen bestimmten Ort und bestimmte Grade und Amplituden gebunden.

Bemerkenswert ist, dass Winckelmann freilich von einer Konstanz der Wämeverhältnisse ausging und doch dieses Griechenland selbst nie gesehen hatte. Seine Kenntnis beruhte auf den antiken Werken, die er in Rom und Sammlungen studierte, darunter römische Kopien griechischer Skulpturen. Sein Griechenland war deshalb von Anfang an auch ein geistiges Griechenland, eine aus Skulpturen, Fragmenten und historischen Quellen zusammengesetzte Idealwelt, die er aus der Ferne qualifizierte. Gerade dadurch konnte es zum ästhetischen Maßstab werden.

Vielleicht ist es deshalb dienlich, ein Bild dazwischen zu stellen.

Carl Rottmann

Das Städel in Frankfurt verwahrt ein kleines Aquarell von Carl Rottmann. Das »Löwentor in Mykene,« das 1834 während seiner Griechenlandreise entstanden war, ziegt einen Blick auf das imposante Tor, die begrenzende Mauer und die umliegende Landschaft. Rottmann war also dort, wo Winckelmann nie gewesen war. Und er sah etwas anderes, nicht den vollkommenen Körper, nicht die ideale Proportion, sondern eine Landschaft, in der die Natur unter der gleißenden Sonne bereits zur Ruine geworden war. Aber auch die antiken Zeugnisse, das Menschengemachte, war bereits wieder zur Natur erodiert. Das Löwentor steht als Überrest in einem kargen, mondhaft menschenleeren Landstrich. 

Bemerkenswert ist die Verschiebung der Deutungen. Bei Winckelmann war Griechenland der Ort, an dem Natur und Kunst zu einem Ideal der Harmonie zusammenfanden. Bei Rottmann ist dieselbe Landschaft bereits von der Zeit gezeichnet. Das Klima, das bei Winckelmann als Voraussetzung des Klassischen birgt, umgibt bei Rottmann eine Welt, von der nur noch Restbestände übrig sind. Rottmann malte Griechenland im Auftrag Ludwigs I. von Bayern, des großen Philhellenen, der München zu einem „Athen an der Isar“ machen wollte. Zwischen Winckelmann und Rottmann liegt damit nicht nur eine ästhetische Entwicklung, sondern eine Deutungsänderung der Antike. Das Griechenland des 18. Jahrhunderts war vor allem ein Ideal, das des 19. Jahrhunderts konnte bereits als Landschaft des Verfalls erscheinen.

Heute wird dieselbe Epoche in andere Perspektiven genommen, weder idealisiert noch nostalgisch, sondern zunehmend naturwissenschaftlich und sachlich-neutral. Geschichte zeigt sich nämlich fallweise auch an naturwissenschaftlichen Daten. Denn genau die mykenische Ruine führt zurück in eine Zeit, die noch vor dem klassischen Griechenland liegt. Das Löwentor von Myken ist das bekannteste Zeugnis der mykenischen Kultur der späten Bronzezeit, deren politische Zentren um etwa 1200 v. Chr. in eine Krise geraten war, also die Epoche vor dem klassischen Griechenland. Mykene selbst wurde zerstört und später aufgegeben. Zugleich gerieten zahlreiche andere Stadtstaaten des östlichen Mittelmeerraums unter Druck. Das Hethiterreich brach zusammen, Ugarit verschwand, Handelsnetze rissen ab. Die Forschung sieht darin heute vielfältige Gründe. Kriege, Migrationen, politische Konflikte, Handelsstörungen und soziale Spannungen spielten ebenso eine Rolle.

Um diese Krisen noch globaler zu deuten, wird zunehmend das Klima als Verstärker in den Blick genommen. Eine kürzlich in »Science Advances« veröffentlichte Studie von Katherine Power und Qiong Zhang rekonstruiert die Klimaentwicklung im östlichen Mittelmeerraum und beschreibt einen langfristigen Austrocknungstrend, auf den sich kürzere Klimaschwankungen legten. Besonders ausgeprägte Dürreperioden konnten entstehen, wenn mehrere dieser Schwankungen zusammentrafen. Für die Zeit um 1250 v. Chr. und danach finden die Autor:innen Hinweise auf eine Phase außergewöhnlicher Trockenheit, die zeitlich mit der Krise der späten Bronzezeit zusammenfällt. Dürre dezimiert Ernten, Wasser wird zum knappen Gut, Handelswege finden sich unter Druck, Migrationen verstärken sich und Versorgungssysteme kollabieren. Eine ökologische Veränderung wird zwar nicht automatisch zur gesellschaftlichen Katastrophe, kann aber eine politisch und sozial bereits angelegte Krise verschärfen.

Nimmt man Winckelmanns Gedanken nun noch einmal ernst und übersetzt ihn ins 21. Jahrhundert unter der Einbeziehung der letzten Monate, ergibt sich daraus eine beinahe absurde Wendung. Angesichts der steigenden Temperaturen der Gegenwart müsste gerade Mitteleuropa allmählich in die klimatische Gunstzone des Klassischen aufrücken. Vielleicht, so ließe sich mit einiger Bosheit sagen, sind wir dank der Klimakrise nun auch hierzulande endlich klimatisch dazu befähigt, zeitlose Kunst hervorzubringen.

Aber Scherz beiseite.

Die eigentliche Frage lautet nicht, ob ein wärmeres Klima uns zu zeitlosen Kunstschöpfer:innen macht, sondern welche Folgen zu erwarten sind, wenn die natürlichen Voraussetzungen unserer gesellschaftlichen Übereinkünfte selbst instabil werden. Vielleicht muss man Winckelmann deshalb gegen sich selbst lesen. Das Klima kann Stabilität ermöglichen, ebenso aber ihren Zerfall begünstigen. Rottmanns Löwentor wäre dann mehr als die Darstellung einer Ruinenlandschaft. Es erschiene als ein Bild dessen, was von einer Ordnung bleibt, wenn ihre natürlichen Voraussetzungen verschwinden. Das Fait ist die Verelendung von Natur und Kultur. Die Frage unserer Gegenwart wäre folglich nicht, ob wir unter einem wärmeren Himmel wieder klassisch werden, sondern ob und wie sich kulturelle und soziale Übereinkünfte unter den Bedingungen klimatischer Unwägbarkeit dauerhaft erhalten lassen.

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Abb: Carl Rottmann: Löwentor in Mykene, 1834, Feder in Grau und Aquarell über Bleistift auf Papier, Graphische Sammlung, Städel Museum, Frankfurt am Main

Mehr Texte von Thomas D. Trummer

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