Island – die Kunstwelt der Elfen und Trolle
Wasser in jedem Aggregatzustand, Kälte und Einsamkeit – so sind die Vorstellungen von Island. Aber man kann die Insel auch von einer anderen Seite sehen. Die beste Gelegenheit ist Listahatid, das seit 1970 stattfindende biannuale Reykjavík Arts Festival.
Hot spots (in Anlehnung an die „hot springs“, die es auch in jedem Ort gibt) findet man in Reykjavik zahlreich.
Das 2011 im Hafen der Hauptstadt eröffnete Konzert- und Opernhaus Harpa wurde von Olafur Eliasson und den Hennig Larsen Architects entworfen und von der Portus Group gebaut. Im Rahmen des Listahatid gab Hildur Guðnadóttir die Islandprämiere von Where to From zum besten. Die Inszenierung ist eine Gemeinschaftsproduktion des Listahatid Festivals, des Barbican Centers, des Wiener Konzerthauses und des Holland Festivals. Die in Island geborene und in Berlin lebende Cellistin und Komponistin Hildur Guðnadóttir wurde durch ihre Filmmusik für die DC-Comicverfilmung Joker (2019) bekannt, für die sie unter anderem mit dem Oscar für die beste Filmmusik ausgezeichnet wurde.
Eine isländische Sängerin, die man international nicht vorstellen muss, ist Björk. Sie ist mit ihrer Einzelausstellung Echolalia wohl der Highlight des Sommers. In der National Gallery (die älteste Kunstinstitution in Island, gegründet 1884) werden ihre Lieder Ancestress (eine rituelle Prozession), Sorrowful Soil (ein neunteiliges Requiem), Elegies for her Mother und eine neue Werksserie theatralisch untermalt auf Großleinwänden in eigens dafür konzipierten Räumen gezeigt. Gesamtkunstwerkähnlich gehen die Darstellungen durch Mark und Bein.
Weniger dramatisch aber für Designliebhaber umso spannender ist die Begleitausstellung von James Merry. In Metamorphlings werden 80 Masken - inspiriert von der Natur, Archäologie, Ritualen und Technik – ausgestellt. Getragen wurden diese unter anderem von Björk und Tilda Swinton.
Insgesamt sind die isländischen Museen sehr der eigenen Tradition und Kultur verpflichtet.
Das National Museum von Island zeigt einen Überblick von den Anfängen der Siedlungsgeschichte und der späteren Christianisierung bis zum Gegenwartsdesign.
Im Adalstræti wird Wikingerleben (seit dessen Entdeckung 2001) zur Realität. Neben Originalmauerresten und Gegenständen des täglichen Lebens ruhen unter modernen Gebäuden die Reste der Siedlung aus dem 10. Jhdt.
Weniger spektakulär, aber nichtsdestoweniger kunsthistorisch sehenswert ist das Reykjavik Art Museum. Im Haupthaus findet diesen Sommer eine Einzelausstellung der deutschen Künstlerin Karin Sander statt. Sie zeigt auch einige Werke, die während eines Islandaufenthaltes entstanden sind. Für Besucher, die sich verewigen möchten, gibt es die Möglichkeit mittels Fotografie des eigenen Porträts Teil der Ausstellung zu werden.
In den oberen Räumen des Gebäudes werden dauerhaft Werke des gebürtigen Isländers ERRO gezeigt, dessen Werke in Island sehr präsent sind. Mehr isländische Kunst befindet sich im House of Collections, unmittelbar neben dem Theater.
Der Bildhauer Einar Jonsson (1874 - 1954), der bei Bertel Thorvaldsen in Kopenhagen studiert hat und diesen zeitlebens als Vorbild hatte, hat sein Atelier und Wohnhaus bereits 1923 als Museum der Öffentlichkeit zugängig gemacht. Er war der erste isländische Künstler, der auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken konnte. Im Garten des Hauses befindet sich der dazugehörige Skulpturenpark.
Nach dem Bau des Jonssonschen Gebäudekomplexes wurde am Nachbargrundstück das wohl beeindruckendste Gebäude der Stadt gebaut – die Hallgrímur-Kirche. Geplant im Jahr 1937 wurde das Gotteshaus dann schlussendlich 1986 fertiggestellt. Benannt nach dem gefeierten isländischen Poeten Hallgrimur Petursson ist es ein Bau der Superlativen: es ist die größte Kirche in Island, hat die höchsten Türme in Reykjavik und beherbergt die größte Orgel des Landes. Im Inneren befinden sich zahlreiche Kunstwerke, wie eine Christusstatue von Einar Jonsson.
Eine Expositur des Reykjavik Art Museum ist Kjarvalstadir, ein mit einer Einzelausstellung von Johannes Sveinsson Kjarval (1885 – 1972) bestücktes Museum mit mehreren Ausstellungsebenen. In der Ausstellung Kjarval und das 20. Jhdt. werden unter anderem auch Werke von Asgrimur Jonsson (1876 – 1958), der beispielsweise den uns aus dem blockierten Flugverkehr bekannten Eyjafjallajökull (1920 – 1922) dargestellt hat und ein frühes ERRO-Werk von 1959 Burt med eftirlit ur verksmidjunni (die Kontrolle aus der Firma) gezeigt.
The Nordic House, erbaut nach Plänen von Alvar Aalto, ist immer einen Besuch wert. Der aus Frankreich stammende Leiter Thomas Pausz hat für die aktuelle Ausstellung Membran: Mythos und Fiktionen von Erde Künstler quer aus Europa eingeladen: Peder Bjurman (SE), Linda Boļšakova (LV), Lucrezia Costa (IT), Eglė Budvytytė (LT), Johanna Seeleman (DE), Sigrún Thorlacius (IS) und Gediminas & Nomeda Urbonas (LT).
Sigrún Thorlacius zeigt – meiner Meinung nach - das spannendste Werk. Die ausgebildete Biologin und Designerin setzt sich mit Pilzen und Wetland-Ökosystemen auseinander. Ein Motorblock, der vor einigen Jahren „entsorgt“ wurde, soll durch Mykoremediation gereinigt und sämtliche Rückstände durch die Pilze befreit werden.
Wenn es sich ergibt, sollte man auch das Atelierhaus des Bildhauers Hallsteinn Sigurdsson (geb. 1945) besuchen. Die Fülle seiner teils im Atelier schwebenden Skulpturen und die auf eigens gefertigten Sockeln ausgestellten Outdoorkunstwerke zeugen vom Fleiss dieses Künstlers.
Und da Kunst generell befreiend ist, gibt es in Reykjavik sehr viel davon im öffentlichen Raum. Sólfar, eine 15 Meter lange Stahlskulptur von Jón Gunnar Árnason, gehört zu den bekanntesten Beispielen in Island. Die wikingerschiffähnliche Skulptur am Küstenweg gehört zu den meistfotografierten Plätzen in Reykjavik.
Mit großem Erstaunen steht man auch vor The Unknown Bureaucrat von Magnus Tomasson aus dem Jahr 1993 hinter dem Rathaus von Reykjavik, ähnelt die Skulptur doch einer Werksgruppe von einem aus Österreich gebürtigen Weltstarkünstler.
Auch die Galerienszene ist durchaus lebhaft.
I8 kennt man von internationalen Messen. Die vertretenen Künstler wie Olafur Eliasson, Karin Sander, Ragnar Kjartansson, Roni Horn und Hreinn Fridfinnsson sind am Kunstmarkt präsent.
Galleri List, eine der ältesten Galerien in Island (gegründet 1987), befindet sich gerade in einem Umbruch. Zukünftig wird vermehrt einheimische Malerei gezeigt.
Galleri Fold war einer der Aussteller an der Affordable Art Fair in Wien. Sie haben neben ERRO auch Johannes Sveinsson Kjarval und Textilkünstlerinnen wie Alfa Ros Petursdottir im Programm. Die Galerie hält auch regelmäßig Auktionen ab.
Berg Contemporary in der Innenstadt vertritt auch Dieter Roth (1930 - 1998) und seinen kürzlich verstorbenen Sohn Björn (1961 – 2026). Björn Roth war als Künstler in Island sehr anerkannt. Seine Mutter Sigridur Björnsdottir ist als Künstlerin und Kunsttherapeutin in Island überaus geschätzt.
Thula Gallery ist im Marschallhaus am Hafen eingemietet. Sie haben mit der Künstlerin Kristin Morthens an der diesjährigen Market Art Fair in Stockholm teilgenommen.
Der prominenteste Mitmieter im Marschallhaus (im obersten Stockwerk) ist übrigens Olafur Eliasson. Man munkelt allerdings, dass er selten gesehen wird.
Helgi Torgils Fridjonsson (geb. 1953) hingegen ist sehr präsent. Seine Ausstellung Stor heimur (großartige Welt) wird im Ausstellungshaus von Hafnarborg gezeigt. Nach einem Studium in Den Haag und Maastricht entwickelte er sich zu einem der bedeutendsten Künstler in Island. 1990 war er der isländische Vertreter an der Biennale in Venedig.
Seine gezeigten surrealen Mensch–Tier–Landschaft Kombinationen knüpfen an Vorbilder aus der Kunstgeschichte an (zB. Surrealismus, finnischer Stimmungsimpressionismus).
Im Museum von Ísafjörður gibt es Frauenpower. Ragnhildur Stefansdottir und ihre Tochter Valgerdur Sigurdardottir zeigen in Adaption ihre aktuellen Arbeiten. Beide Künstlerinnen sind im In- und Ausland durch zahlreiche Ausstellungen bekannt.
Und wenn man Reykjavik schon einmal verlassen hat, steht einer Fahrt nach Akureyri nichts mehr im Wege. Allein das Kunstmuseum ist eine Reise wert. Die Museumsdirektorin Sigridur Örvarsdottir lädt isländische und internationale Künstler in die größte Stadt Nordislands. Der Schweizer Künstler Zimoun (geb. 1977) bespielt diesen Sommer den Hauptraum. Mit Schiffsbojen schafft er eine Installation, die in direkter Korrespondenz zum nahegelegenen Hafen steht, in dem neben Kreuzfahrt- auch militärische Aufklärerschiffe anlegen.
Eine Nebenausstellung ist das Aurora Watercolor Festival 2026. Wasserfarbenkünstler aus der ganzen Welt werden eingeladen, Arbeiten zum Thema Aurora zu gestalten.
Nebst den zahlreichen Vulkanfeldern, Wasserfällen und Gletschern gibt es in fast jedem Dorf / Ort sehenswerte Murals, Kunst im öffentlichen Raum und Museen. Ein Beispiel für einen solchen Stopp ist Djupivogur an der Ostküste. Nebst einem Bistro, einem Gasthaus und einer Dorfbrauerei gibt es 34 Gledivik Eier (Vögeleier) als Skulpturenallee von Sigurdur Gudmundsson. Die Formen der Eier von einheimischen Vögeln sind bis auf den „einheimischen Vogel“ alle etwa gleich groß dargestellt.
Design darf in Island natürlich auch nicht fehlen. Einen Besuch wert ist der jährliche Design March, der im Mai stattfindet.
Gunnar Gudmundsson (1922 – 2004) und seine Tochter Tinna Gunnarsdottir (geb. 1968) sind zwei wesentliche Wegbereiter. Ihre Möbelentwürfe befinden sich in zahlreichen isländischen Haushalten und sind über die Grenzen hinaus bekannt. Tinna Gunnarsdottir hat in England, Deutschland und Italien studiert und in Reykjavik 1993 ein eigenes Designstudio eröffnet. Derzeit wohnt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann in der Flokagata 17 in Englaborg, das gerade den Status zum Denkmal anstrebt.
Im isländischen Designmuseum in Garðabær wird nebst isländischen Design auch Mode und angewandte Kunst ab 1900 ausgestellt. Einen Schwerpunkt bilden die von Anna Eyjólfsdóttir, der Pastpräsidentin der Reykjaviker Bildhauervereinigung, gestifteten Keramikskulpturen und – gefäße isländischen Ursprungs.
Erwähnenswert ist auch der Nachlass von Einar Torsteinn Asgeirsson (1942 – 2015). Sein Studio wurde als Wunderkammer bezeichnet. Er beschäftigte sich mit geometrischen Modellen, mathematischen Gleichungen und Objekten, die ihn inspirierten. Isländisches Design kann man – außer im Museumsshop – auch in den Epal-Designboutiquen käuflich erwerben.
Warum man auch Island besuchen sollte – die UNESCO hat die Icelandic pool culture als immatierielles Kulturerbe anerkannt. Allein in Reykjavik gibt es 18 geothermale Pools, einen geothermalen Strand (Nautholsvik) und zwei Lagunen (Sky Lagoon und Hvammsvík).
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Die isländische Kunstszene zum Nachlesen: Icelandic Art Today, herausgegeben vom CIA.IS - Center for Icelandic Art, Halldór Björn Runólfsson, Dr. Christian Schoen, The National Gallery of Iceland, erschienen 2011 im Hatje Cantz Verlag.
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