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Kant in Kansas City

Über den neuen Identity Check im Fußball

Was ist eigentlich geschehen? Auf den ersten Blick erstaunlich wenig. Ein Zweikampf um den Ball. Die Szene spielt sich nahe der Seitenlinie ab, beinahe auf Höhe der Mittellinie, also in einem Bereich des Spielfeldes, von dem weder für die angreifende noch für die verteidigende Mannschaft unmittelbare Gefahr ausgeht. Und doch wurde ausgerechnet dort ein Viertelfinale entschieden. Es war kein Tor, kein spektakulärer Spielzug, sondern eine scheinbar wenig entscheidende Situation am Rand des Feldes, die den weiteren Verlauf des Spiels prägen sollte.

Die Schweizer Mannschaft, insbesondere ihr Trainer, mag sich durch die Entscheidung des portugiesischen Schiedsrichters benachteiligt gefühlt haben. Die grundsätzliche Korrektur der Szene wurde jedoch auch von ihnen nicht bestritten. Breel Embolo simulierte ein Foul. Er segelt mit gespreizten Armen und verrenkten Beinen zu Boden – ein kurzer körperlicher Auftritt, der die Wirklichkeit des Geschehens nicht nur abbildet, sondern akrobatisch überformt. Nach Intervention des VAR überprüfte der Schiedsrichter die Szene am Bildschirm, nahm seine ursprüngliche Entscheidung zurück und zeigte Embolo aufgrund der bereits erhaltenen Verwarnung die Gelb-Rote Karte. Von diesem Zeitpunkt an musste die Schweiz – vor allem in der Verlängerung – mit einem Spieler weniger gegen Argentinien antreten. Am Ende verlor sie das Viertelfinalspiel der Fußball-WM mit 1:3.

Abseitstechnologie, Torlinientechnik und Videoüberprüfung erheben zunehmend den Anspruch, Entscheidungen zu versachlichen. Dennoch erzeugt der Fußball trotz aller technischen Präzisierung keine Welt reiner Tatsachen. Zwischen Ereignis und Bewertung bleibt ein Rest von Unsicherheit, Interpretation und menschlicher Vermittlung. Vermutlich liegt gerade darin seine eigentliche Faszination, in diesem verbleibenden Zwischenraum des Streitbaren, in einer Prise Kontingenz und im unvermeidlichen Anteil menschlicher Fehlbarkeit.

An dieser Stelle wurde kürzlich in ⤇ artmagazine.cc das Tor des algerischen Stürmers gegen Österreich aus dem letzten Gruppenspiel analysiert: ein Lapsus, ein Fehler, eine vermutlich unbeabsichtigte, aber instinktive Handlung, die das Spiel dennoch bereicherte. Hier soll eine ähnliche Analyse gewagt werden, diesmal anhand von Embolos folgenreicher Schwalbe. Dabei rückt weniger der Instinkt des Spielers in den Vordergrund als vielmehr die Körperlichkeit.

Im Fußball ist der Körper niemals nur ein Instrument der Bewegung. Er ist ein Medium der Mitteilung. Es geht, wenn man einen etwas sperrigen Begriff bemühen will, um eine Form der Somato-Semiosis, um die Zeichenhaftigkeit des Körpers. Wer unauffällig fällt, verschwindet beinahe aus dem Wahrnehmungsfeld. Wer spektakulär fällt, liegen bleibt und Schmerz signalisiert, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Situation überhaupt als relevantes Ereignis erscheint.

Das Zeichen erzeugt den Bruch. Es produziert die Zäsur.

Daraus ergibt sich eine weiterführende Beobachtung. Die Schwalbe verweist über den Fußball hinaus auf eine Gesellschaft, in der nicht allein das Ereignis zählt, sondern zunehmend auch die Fähigkeit, es sichtbar zu machen. Sie ist nicht nur Täuschung, sondern eine Technik der Unterbrechung. Der Körper drängt sich in den Mittelpunkt und zwingt das System zur Reaktion.

Dabei nutzt die Schwalbe einen Umstand, der weit über den Fußball hinausweist. Körper sind niemals frei von Zuschreibungen, besonders nicht jene, die sich in einer Wettkampf- und Ausnahmesituation befinden. Breel Embolo ist ein kräftiger, physisch agierender Stürmer. Von Spielern dieses Typs wird erwartet, dass sie Zweikämpfe annehmen und Belastungen aushalten. Wenn ein solcher Spieler fällt, entsteht schnell der Verdacht der Übertreibung. Kleinere oder weniger robuste Spieler erscheinen dagegen häufiger verletzlich.

Dasselbe Ereignis wird somit nicht unabhängig von dem Körper beurteilt, der es vermittelt. Zudem sehen wir nie ausschließlich das Ereignis. Wir sehen immer auch das Bild, das wir von einer Person bereits besitzen. Anders gesagt, wir deuten die Bruchstelle, wir zensieren die Zäsur. Auch der argentinische Verteidiger Leandro Paredes, der Gegenspieler dieser Szene, trägt ein bestimmtes Wahrnehmungsprofil mit sich. Er gilt als kompromissloser, bisweilen grenzwertiger Spieler. Dieses Bild kann beeinflussen, wie eine Situation gelesen wird. Die erste Reaktion des Schiedsrichters – die Verwarnung von Paredes – erscheint vor diesem Hintergrund zumindest nachvollziehbar.

Die Schwalbe offenbart dabei nicht nur die Logik von Sollbruchstellen, sondern berührt auch grundsätzliche Fragen der Erkenntnis. Wir begegnen der Wirklichkeit nicht unmittelbar, sondern immer durch Filter, Erfahrungen und Deutungsrahmen. Jede Brechung ist somit bereits Ergebnis einer Auswahl. Was wird sichtbar? Was erhält Bedeutung? Was verschwindet aus dem Radius des Bewertbaren?

Damir wird dieser Vorfall aus dem Fußball zu einem kleinen Labor an der Schnittstelle von Ethik und Epistemologie. Am Spielfeldrand von Kansas City ereignet sich ein kantisches Lehrstück. Die entscheidende Frage lautet nicht: Was ist geschehen? Diese Frage können technische Hilfsmittel inzwischen nicht selten beantworten. Die entscheidende Frage lautet: Was gilt als geschehen? Wie wird ein Ereignis wahrgenommen, bewertet und schließlich moralisch klassifiziert?

Genau hier wird der sogenannte Mistaken Identity Check interessant. Schon der Begriff wirkt eigentümlich, beinahe wie ein Import aus einer anderen Diskurswelt. Die Regel selbst scheint zunächst unspektakulär. Der VAR darf eingreifen, wenn der Schiedsrichter zwar ein Vergehen erkennt, aber den falschen Spieler bestraft.

Doch hinter dieser technischen Korrektur verbirgt sich eine grundsätzliche Frage. Bevor Schuld festgestellt werden kann, muss feststehen, wem eine Handlung zugerechnet werden kann. Der Identity Check zeigt damit, dass jede Entscheidung über Schuld zunächst eine Entscheidung über Identität ist. Es genügt nicht festzustellen, dass etwas geschehen ist. Es muss bestimmt werden, wer gehandelt hat. Erst durch diese Zuordnung entsteht Verantwortung.

An diesem – für juristische Fragestellungen unstrittigen – Punkt eröffnet sich eine Verbindung zu den gegenwärtigen Debatten über Identität. Dort wird Identität häufig als Frage von Zugehörigkeit verstanden. Herkunft, Geschlecht, kulturelle Prägung oder soziale Position werden zum Ausweis gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Der Fußball verweist jedoch auf eine ältere, rechtliche Dimension des Begriffs. Identität bezeichnet hier nicht die Frage, wer jemand ist, sondern wem eine Handlung zugerechnet werden kann.

Diese Unterscheidung ist relevant. Identität ist nicht nur eine Frage der Anerkennung, sondern auch eine Frage der Verantwortung. Die Schwalbe erhält dadurch eine neue Bedeutung. Sie täuscht nicht einfach den Schiedsrichter. Sie arbeitet mit den Schwingungen unserer Wahrnehmung, also mit den Mustern, nach denen wir Verantwortung verteilen. Sie reizt bestehende Zuschreibungen und appelliert an ethische Urteilsmuster. Sie setzt darauf, dass wir Körper als Zeichen lesen, Erwartungen bestätigen und Wahrscheinlichkeiten mit Wahrheit verwechseln. Zugleich bleibt die moralische Bewertung ambivalent. Schwalben werden fast einhellig verurteilt. Embolo selbst verließ das Spielfeld sichtbar beschämt. Und dennoch bewundert der Profisport auch jene Spieler, die jede Lücke des Regelwerks erkennen und für sich nutzen. Ähnlich wie in Wirtschaft und Politik wird die Fähigkeit, institutionelle Zwischenräume auszunutzen, häufig zugleich kritisiert und bewundert.

Der Fußball verlangt – ähnlich wie der Kapitalismus, dem er in mancher Hinsicht immer stärker gleicht – ultimativen Siegeswillen und erwartet gleichzeitig fairen Wettbewerb. Die Schwalbe macht verständlich, dass die Vorstellung einer widerspruchsfreien Verbindung beider Anforderungen naiv wäre. Vielleicht liegt genau darin die Faszination dieses Zwischenfalls. Der Identity Check korrigiert nicht nur eine Fehlentscheidung. Er belegt, dass jede Entscheidung eine Zuordnung voraussetzt, eine Antwort auf die Frage, was geschehen ist, wer gehandelt hat und wem dieses Geschehen zugerechnet wird. Identität ist nicht vorherbestimmt, sie ist eine Frage von Verantwortung und Politik.

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Abb.: Schwalbe von Breel Embol, Foto via  footballinsider247official

Mehr Texte von Thomas D. Trummer

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